Whistleblowerpreis

Seit 1999 wird in Deutschland alle zwei Jahre ein internationaler Whistleblower-Preis vergeben. Der Preis wurde von der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW) und der Deutschen Sektion der International Association of Lawyers Against Nuclear Arms (IALANA) gestiftet.
Whistleblower-Netzwerk e.V., welcher ja erst 2006 gegründet worden ist, steht in engem Kontakt mit beiden Organistaionen und begrüßt deren Engagement außerordentlich. Außerdem besteht auch insoweit eine Verknüpfung, dass einige der Preisträger aktive Mitglieder im Whistleblower-Netzwerk e.V. sind. Unser Netzwerk ist als solches jedoch in keiner Weise in die Auswahlentscheidung über die Vergabe des Whisteblowerpreises involviert.

Der Whistleblowerpreis soll die Öffentlichkeit für das Whistleblowing sensibilisieren und die – häufig von Entlassung und Maßregelungen betroffenen oder bedrohten – Preisträger unterstützen.
Für die Preisvergabe gibt es vier Kriterien:

1. Brisante Enthüllung: Ein Whistleblower enthüllt nicht tolerierbare Gefahren, Risiken und Fehlentwicklungen, Korruption, Verstöße gegen internationale Abkommen, die das friedliche Zusammenleben der Gesellschaft oder die Umwelt bedrohen.
2. Selbstlose Motive: Er handelt nicht aus Eigennutz, sondern aus Sorge um das Wohlergehen der Mitmenschen und den Erhalt der Umwelt.
3. Alarm schlagen: Er bringt Missstände an seinem Arbeitsplatz zur Diskussion. Wenn die Firma bzw. die Behörde nicht angemessen reagiert, geht er an die Öffentlichkeit.
4. Bedrohung der Existenz: Er geht ein hohes Risiko ein, setzt seine berufliche Karriere oder gar seine Existenz aufs Spiel.

Whistleblower werden demnach verstanden als Dissidenten oder Hinweisgeber aus Gewissensgründen – Menschen, die in einem Akt der Zivilcourage unlautere Machenschaften von Regierungen, Verwaltungen oder Unternehmen an die Öffentlichkeit bringen, um diese Missstände zu unterbinden. Whistleblower setzen so nicht selten ihren Arbeitsplatz und ihr soziales Ansehen und ihren Ruf aufs Spiel. Sie werden sehr häufig Opfer von Mobbing-Attacken oder auch Denunziationskampagnen. Wer Staatsgeheimnisse an die Öffentlichkeit bringt, zum Beispiel Entsorgung von Atommüll im Meer, kommt unter Umständen ins Gefängnis. Wer Fehlverhalten großer Unternehmen, bei denen hohe Investitionen auf dem Spiel stehen, publik macht, muss auch mit hohen Schadenersatzforderungen und kriminellen Angriffen rechnen.
Dabei handelt der Whistleblower verantwortungsvoll und auch loyal, indem er sich beispielsweise mit seiner Firma identifiziert und an ihre Zukunft denkt. Er will sie zum Beispiel vor der Gefahr bewahren, angeklagt und zur Rechenschaft gezogen zu werden. Zur Eindämmung von Korruption und zur Sicherung des sozialen Friedens werden Whistleblower-Schutzgesetze dringend notwendig, sind aber wegen der Möglichkeiten moderner Technik bei skrupellosen Organisationen oft nicht ausreichend, sodass Whistleblower auf funktionierende Anonymität und Datenschutz-Mechanismen angewiesen sind.

Die bisherigen Preisträger sind:

  • 1999: Alexander Nikitin – ehemaliger sowjetischer Marinekapitän, der auf unsichere Atommülllager und gefährliche Praktiken der russischen Nordmeerflotte aufmerksam machte;
  • 2001: Margrit Herbst – deutsche Tierärztin, die 1994 die Öffentlichkeit über die Vertuschung der ersten BSE-Fälle informierte;
  • 2003: Daniel Ellsberg – hochrangiger Mitarbeiter des US-Verteidigungsministeriums, der 1971 die Pentagon-Papiere an die Presse weitergab;
  • 2005: Theodore A. Postol – Physiker am MIT, der das US-Raketenabwehrprogramm GMD kritisierte und dabei dem Lincoln Laboratory des MIT Wissenschaftsbetrug sowie dem MIT selbst Vertuschung vorwarf;
  • 2005: Árpád Pusztai – Biochemiker am Rowett Institute in Aberdeen, der bei Ratten-Fütterungsversuchen mit Gen-Kartoffeln Schäden am Immunsystem und Wachstumsstörungen von Organen feststellte und dies veröffentlichte;
  • 2007: Liv Bode – deutsche Ärztin, die den Verdacht der Kontamination von Plasmaspenden mit infektiösen Bestandteilen von Bornavirus im Bereich der Infektionsforschung am Robert-Koch-Institut zu klären versuchte;
  • 2007: Brigitte Heinisch – Altenpflegerin in einer Berliner Einrichtung, die die dortige unzureichende Pflege und Betreuung alter und hilfebedürftiger Menschen öffentlich machte.
  • 2009: Rudolf Schmenger und Frank Wehrheim – für die Aufdeckung von Steuerhinterziehung der Commerzbank und Deutsche Bank von 500 Mio. Euro und ihren Einsatz für den Erhalt effektiver Arbeitsmethoden bei der Steuerfahndung Frankfurt im Kampf gegen Steuerhinterziehung – auch gegen den Widerstand der Finanzverwaltung.
  • 2011  Dr.  Rainer Moormann einen kritischen Kernenergiespezialisten am Forschungszentrum Jülich, der aufdeckte, dass der dortige 1988 stillgelegte Versuchsreaktor im Normalbetrieb jahrelang unzureichend gegen überhöhte Betriebstemperaturen im Reaktorkern gesichert war und dass es sich dabei um eine generelles Risiko dieses Reaktortyps handelt.
  • 2011 an die Persönlichkeit, die das Video „Collateral Murder“ über Wikileaks publik gemacht hat. Preis und Preisgeld wurden zwischenzeitlich übergeben an Chelsea E. Manning (geb. Bradley Manning) übergeben, die wegen dieses Sachverhalts in den USA im Sommer 2013 zu 35 Jahren Haft verurteilt wurde.
  • 2013 an Edward Snowden, für die Offenlegung der flächendeckenden Überwachung durch amerikanische und britische Geheimdienste (hier gibt es die Begründung der Jury und Links zu den Videos der Preisverleihung)  – dieser Preis wurde erstmals unter Beteiligung von Transparency International Deutschland vergeben.

Weitere Informationen zu den Preisträgern erhalten sie auf den Webseiten der VDW und den begleitenden Publikationen.

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