Ausstellung: Wilfried Soddemann

Wilfried Soddemann

 ehemaliger Leiter des Staatlichen Umweltamtes Aachen  

„Wasser für den menschlichen Gebrauch muss frei von Krankheitserregern, genusstauglich und rein sein. Dieses Erfordernis gilt als erfüllt, wenn bei der Wassergewinnung, der Wasseraufbereitung und der Verteilung die allgemein anerkannten Regeln der Technik eingehalten werden“, so die deutsche Trinkwasserverordnung von 2003. Die Frage ist, was als ‘allgemein anerkannt‘ gilt.

Wilfried Soddemann erinnert an die massive Trinkwasserverunreinigung im Raum Aachen Ende 1993, bei der 600.000 Menschen in Stadt und Kreis Aachen sowie in den benachbarten Niederlanden das Trinkwasser abkochen mussten. Seither hat ihn das Problem nicht mehr losgelassen. Er weiß, dass besonders Säuglinge und Kleinkinder, alte und kranke Menschen durch Influenza-, Noro- und Rotaviren im Trinkwasser schwer gefährdet sind. Darum befasst er sich mit dem Thema der mikrobiologischen Verseuchung des Trinkwassers, v.a. mit trinkwasserbedingten Virusinfektionen beim Menschen.

Anfang 2004. Als Leiter des Staatlichen Umweltamtes Aachen hat Soddemann konkrete Anhaltspunkte für die Annahme, dass die herkömmlichen Desinfektionsverfahren bei der Trinkwasseraufbereitung an vielen Standorten im Regierungsbezirk Köln ineffizient sind und nicht dem „Stand der Technik“ entsprechen, insbesondere was die Vireneliminationsleistung der klassischen Aufbereitungsverfahren betrifft.

Soddemann fordert intern und öffentlich die verbreitete Einführung von Ultra- oder Nanofiltrationsanlagen. Sie garantierten die vollständige Beseitigung von Bakterien und Viren. Eine ganze Reihe von wasserassoziierten Infektionskrankheiten würde damit weitgehend vermieden. Warum solche Anlagen nicht überall gebaut werden? Das Politikum ist der Wasserpreis. Er verteuert sich durch Bau und Betrieb von Nanofiltrationsanlagen um 12-15%. Dieser Verteuerung stellte Soddemann volkswirtschaftliche Einsparungen u.a. im Gesundheitswesen gegenüber. Er bemüht sich, die ihm vorgesetzte Bezirksregierung Köln sowie das Umweltministerium NRW davon zu überzeugen, dass die noch überwiegend eingesetzte Trinkwasseraufbereitungstechnologie (Flockung und Filtrationen) unzureichend und unverantwortbar sei. Aber er stößt auf Desinteresse, die Probleme werden heruntergespielt.
Daraufhin entschließt er sich, den Nachweis viraler Verseuchung des herkömmlich aufbereiteten Trinkwassers bei Wasserversorgungsunternehmen (WVU) in seinem Dienstbezirk selber zu führen. Dazu lässt er Anfang 2004 Wasserproben bei drei großen WVU nehmen. Der positive Rotavirusbefund seiner Probenahmen wird später als bedeutungslos abqualifiziert werden

Die Wasserwerke wollen die Proben verhindern. Soddemann ruft die Polizei, informiert die Medien. Der Skandal ist perfekt. Es hagelt Proteste beim Regierungspräsidenten. “Hier ist einer durchgeknallt“, sagt der CDU-Landtagsabgeordnete Pick. Der Behördenleiter müsse jetzt „an die Kandare genommen werden“. Knapp 2 Jahre später wird Soddemann nicht mehr Amtsleiter sein.

Vorläufig hat er sich eine Rüge seines Vorgesetzten eingehandelt: „Überschreitung von Kompetenzen sowie willkürliche und parteiische Amtsausübung, v.a. durch Polizeieinsatz und Presseinformation.“ Es werden ihm sämtliche Befugnisse im Bereich Wasserversorgung entzogen. Insbesondere erhält er die dienstliche Weisung, künftig Öffentlichkeitsarbeit in Sachen Wasserwirtschaft zu unterlassen. Diese Weisung wird im Laufe der Ereignisse mehrmals wiederholt und verschärft.

Aber Soddemann lässt sich keinen Maulkorb anlegen. Er gibt in Sachen Wasserqualität Presseerklärungen heraus, tritt im Fernsehen auf und macht auf Gefahren der kommunalen Wasseraufbereitung aufmerksam. Er tut dies zwar in Abstimmung mit der zuständigen Fachabteilung im Umweltministerium. Dennoch werden ihm Verstöße gegen seine „Wohlverhaltenspflicht“ nach dem Beamtenrecht vorgeworfen. Es beginnt ein zermürbendes disziplinarrechtliches Hickhack mit

  • einer Anordnung seiner amtsärztlichen Untersuchung mit psychologischer Zusatzbegutachtung
  • seiner Suspendierung für 3 Monate
  • der Einleitung und viermaligen Ausweitung von Vorermittlungen zu einem Disziplinarverfahren.

Schließlich wird der Ltd. Regierungsbaudirektor Bauassessor Dipl.-Ing Wilfried Soddemann, verheiratet, 2 Töchter, nach 15-jähriger Tätigkeit als Leiter des Staatlichen Umweltamtes Aachen abgelöst und an das Landesumweltamt NRW in Düsseldorf zwangsversetzt. Er tritt den Dienst dort aus gesundheitlichen Gründen nicht an. Die Vorgänge haben ihn traumatisiert. Er gerät schon in Panik, wenn sein Faxgerät anspringt. Die sich über eineinhalb Jahre hinziehenden Auseinandersetzungen enden mit der amtsärztlichen Feststellung von Soddemanns Dienstunfähigkeit. Ende 2005, mit 50 Jahren, wird er in den Ruhestand versetzt. Der Grund: seine weisungswidrige öffentliche Kritik an der  kommunalen Trinkwasseraufbereitung.

 Foto: (c) Wilfried Soddemann  –   Text: (c) Annegret Falter – WBNW e.V.
Whistleblowing – Licht ins Dunkel bringen! – Ein Ausstellungsprojekt von Whistleblower-Netzwerk