Weitere Tipps für Whistleblower (nach Phasen)

Die Gliederung der nachfolgenden weiterführenden Tipps für potentielle Whistleblower orientiert sich an den wissenschaftlichen Erkenntnissen nach denen Whistleblowing ein Prozess ist, der typischer Weise in bis zu fünf zum Teil mehrfach durchlaufenen Phasen abläuft, die wir an anderer Stelle ausführlich dargestellt haben.

Falls Sie dies noch nicht getan haben, lesen Sie vor dieser Seite bitte die Seite „Beratung und Tipps für … (potentielle) Whistleblower“ und auch unsere „fünf wichtigsten Tipps für Whistleblower„, die Sie in jedem Falle phasenübergreifend beherzigen sollten.

Beachten Sie bitte auch, dass wir die nachfolgenden Hinweise recht detailliert ausgestaltet haben, wir damit aber keineswegs behaupten wollen, dass jedes Whistelblowing immer zu einem großen Konflikt führen muss, auf den Sie sich derart umfangreich vorbereiten müssen.

Wenn Sie in Ihrem Betrieb Ihren Vorgesetzten auf kritische Vorfälle und potentielle Missstände aufmerksam machen, sind Sie schon ein Whistleblower. Wenn dieser Vorgesetze den Willen und die Möglichkeit hat die Missstände zu beseitigen, haben Sie in der Regel kein Problem, im Idealfall wirkt sich Ihre Umsichtigkeit vielleicht sogar positiv auf Ihre Karriere aus. Wir wollen und hoffen, dass diese positive Reaktion auf Whistleblowing in den meisten Organisationen der Normalfall ist.

Davon ist wohl auch auszugehen, jedenfalls solange es sich um kleinere Problemchen des Betriebsalltags handelt, die ohne große Kosten abzustellen sind, kein Problemverursacher da ist, der genug Einfluss hat um die Missstände zu vertuschen und wenn kriminelle Hintergründe keine Rolle spielen. Manchmal, besonders wenn diese Voraussetzungen nicht erfüllt sind, gibt es aber leider immer noch zu viele Situationen, in denen Whistleblowing nicht willkommen ist, die Missstände fortbestehen und der Whistleblower hohe Risiken auf sich nimmt.

Sie können sich also die nachfolgenden Details in vielen Fällen sparen. Achten Sie aber in jedem Fall auf Anzeichen dafür, dass die Reaktion auf ihr Whistleblowing evtl. nicht positiv sein könnte, schauen Sie sich um wie mit ähnlichen Situationen umgegangen wurde. Beachten Sie aber eines: das Risiko die Reaktionen richtig abzuschätzen liegt immer bei Ihnen – im schlimmsten Fall kann eine Fehleinschätzung gravierende Folgen haben. Papier ist geduldig. Vertrauen Sie mehr auf konkrete Beispiele und Erfahrungen als auf schöne Worte und generelle Aussagen in Hochglanzbroschüren und Selbstdarstellungen. Je höher Sie das Risiko einschätzen, umso mehr sollten Sie sich mit den folgenden Tipps beschäftigen. Steigen Sie ein in eine sorgfältige Analyse und strategische Planung.

 

Tipps zu Phase 1: Ereignis und Wahrnehmungen

Hier geht es darum hinzuschauen und sich bewusst darüber zu werden, was man wirklich wahrgenommen hat.

  • Erster Tipp ist dabei zu versuchen, sich über die Ausrichtung der eigenen Wahrnehmung und deren Grenzen klar zu werden. Wer sich auf eine Aufgabe fokussiert, der verliert andere Dinge aus dem Blick. Wer die Aufgabe hat die Pässe von Basketballspielern zu zählen und sich auf diese Aufgabe konzentriert, übersieht schon einmal einen durchs Bild gehenden Gorilla.
  • Besonders schwierig wird Wahrnehmung da, wo neben der Wahrnehmung noch eine erste z.B. ethische Bewertung gefordert ist. Wenn es mir und den anderen an meinem Arbeitsplatz vor allem auf Leistung ankommt und Risikowahrnehmung und die Beurteilung von Fragen unter ethischen Gesichtspunkten nie thematisiert wird ist der Blick dafür ungeschult und es ist unwahrscheinlicher, dass ich in dieser Dimension denke und wahrnehme. Auch die Beschäftigung mit Whistleblowing oder gar die Tatsache dass Sie selbst schon einmal Whistleblower waren dürfte Ihre Wahrscheinlichkeit erhöhen erneut potentielle Risiken und Missstände erhöhen.
  • Wenn ein Umstand die Aufmerksamkeit geweckt hat, stellt sich die Frage, ob man hier genauer hinschauen oder lieber wegschauen will. Auch diese Entscheidung muss keineswegs immer voll ins Bewusstsein dringen. Letztlich wird quasi hier schon die Schwelle zwischen Phase 1 und Phase 2 des Whisteblowings überschritten, also eine Bewertung vorgenommen.
  • In Phase 1 und allen weiteren Phasen sollten Sie es sich als potentieller Whistleblower zur Maxime machen zumindest in Gedanken möglichst unterschiedliche alternative Erklärungen in Erwägung zu ziehen und soweit möglich aus unterschiedlichen Blickwinkeln auf das Problem zu schauen. Machen Sie sich immer klar, dass Sie nur einen Teil des Bildes sehen und es für alles auch eine ganz harmlose Erklärung geben kann. Machen Sie sich auch bewusst, dass Koinzidenz und Kausalität unterschiedliche Dinge sind, dass insbesondere von zwei zeitlich aufeinander folgenden Ereignissen das erste nicht zwangsläufig die Ursache des zweiten sein muss.
  • Eine heikle Frage ist jene, in wie weit Sie gleichsam Ermittlungen anstellen sollten, um alternative Erklärungen zu suchen oder Belege für Ihren Verdacht zu finden. Rechtlich sollten Sie jedenfalls vermeiden, dass Ihnen später der Vorwurf der Leichtfertigkeit gemacht werden kann. Demnach sollten Sie mindestens die Erkenntnisse zu erlangen und zu sichern versuchen, die Ihnen ohne weiteres zugänglich sind und diese dann auch bei Ihrer Bewertung der Situation berücksichtigen. Besonders problematisch wird es wenn durch Ihre Nachforschungen andere Personen auf Sie aufmerksam werden können, oder wenn Sie bei der Suche nach Erklärungen (Daten-)Spuren hinterlassen. Bereits hierdurch kann, jedenfalls wenn später einmal jemand mit den dafür heute zur Verfügung stehenden Mitteln nachforscht, Ihre Identität offenbart werden. Dies muss Sie von Nachforschungen nicht abhalten, Sie sollten sich aber über diese mögliche Folge bewusst sein um später nicht von der Aufdeckung Ihrer Identität überrascht zu werden. Beachten Sie auch die rechtlichen Grenzen Ihrer Ermittlungsmöglichkeiten und dass auch die Täter davon Wind bekommen könnten um dann Beweise zu verschleiern, sich aus dem Staub zu machen oder gar gegen Sie vorzugehen.
  • In Phase 1 sind wie in allen Phasen natürlich auch unsere fünf wichtigsten Tipps für Whistleblower zu berücksichtigen, wobei der Schwerpunkt in dieser Phase auf der sauberen Dokumentation liegen dürfte. Dies gilt vor allem wenn es darum geht mehrere Handlungen zu beobachten oder komplexe Zusammenhänge zu verstehen und später eventuell Dritten erläutern zu können. Aber auch hier ist Vorsicht angesagt, vor allem sollten Sie wissen welche Beweise Sie sammeln und später vorlegen dürfen und welche Spuren Sie auch insoweit hinterlassen und Sie sollten Ihre Dokumentation und Aufzeichnungen so führen und aufbewahren, dass ohne Ihre Zustimmung niemand darauf zugreifen kann. Bei Dokumenten oder Dateien am Arbeitsplatz oder auf dem Büro-PC ist diese Voraussetzung nicht erfüllt.

Tipps zu Phase 2: Bewertung und Entscheidung über “ob”

Nun ist zu klären, ob Whistleblowing stattfinden soll oder ob Wegschauen oder Weggehen die besseren Alternativen sind.

  • Nachdem Sie in Phase 1 zunächst Fakten gesammelt haben, geht es jetzt darum sorgfältig zu prüfen, wie diese Fakten zu bewerten sind. Es geht darum Antworten auf viele Fragen zu finden, die Sie sich selbst stellen sollten, z.B.: Liegt hier wirklich ein Missstand vor? Wurde gegen rechtlich verbindliche Normen verstoßen? Gegen welche genau? Verfügen Sie über den nötigen Sachverstand um dies zu beurteilen? Was können Sie tun um sicherer in dieser Beurteilung zu werden?  Wenn keine Rechtsverletzung vorliegt, droht eventuell eine solche? Wie sicher sind Sie sich hinsichtlich dieser Prognose? Oder geht es eher um einen Verstoß gegen einen ethischen Standard? Beruht dieser nur auf Ihrer Meinung oder ist er allgemein für Ihren Beruf oder in Ihrer Organisation anerkannt? Wo und wie klar ist der Standard festgelegt? Worin genau liegt der Verstoß? Oder geht es eher um ein Risiko? Worin genau besteht dies? Wem droht, wann, was? Wie sicher ist diese Prognose? Wen haben Sie in welchem Maße und aufgrund welchen Handelns oder Unterlassens im Verdacht für den Missstand verantwortlich oder mitverantwortlich zu sein?
  • Neben einer ersten Klärung der Fakten und ihrer Bewertung als Missstand sollten Sie auch die Fragen klären die, sich mit Ihrer eigenen „Beziehung“ zum Misstand beschäftigen. Zunächst geht es dabei um Ihre Verantwortung für den Missstand: Sind Sie aufgrund früheren Tuns oder Unterlassens für den Missstand verantwortlich oder könnten Dritte davon ausgehen, dass Sie es sind oder Ihnen diese Verantwortung zuschreiben? Hier reicht es nicht sich daran zu erinnern was Sie getan haben oder nicht, sondern es kann, vor allem bei der Frage nach dem bestehen einer Garantenstellung, die Sie rechtlich für ein Unterlassen verantwortlich macht, erneut auf rechtliche Wertungen ankommen, die sie kennen sollten und selbst dort wo Sie rechtlich einwandfrei gehandelt haben könnten Dritte Ihr Verhalten moralisch dennoch anders beurteilen. Soweit diese Aspekte eine Rolle spielen, sollten Sie sich auch über Belege für Ihre Nichtverwicklung, Absicherungen gegen falsche Verdächtigungen oder darüber Gedanken machen ob es eventuell Rücktritts-, Amnestie- oder Kronzeugenregelungen gibt, die Ihnen zu Gute kommen können.
  • Die zweite Fragestellung auf der Beziehungsebene ist jene, ob Sie für die Anzeige, Aufdeckung und Bekämpfung des Missstandes verantwortlich sind, von anderen hierfür verantwortlich gemacht werden und/oder ob Sie sich dafür jedenfalls moralisch verantwortlich fühlen. Wir haben bereits an anderer Stelle darauf hingewiesen, dass es in einigen Fällen eine Rechtspflicht zum Whistleblowing geben kann und es manchmal recht kompliziert ist, deren Existenz und Umfang klar festzustellen. Noch dazu greift eine solche Pflicht manchmal sogar unmittelbar ein, d.h. es kann sein, dass Sie diese Pflicht vielleicht sogar schon verletzt haben, ohne sich dessen bewusst zu sein. Letztlich ist es aber immer Ihre Entscheidung, ob Sie dieser Pflicht auch nachkommen wollen oder ob Sie darauf setzten, dass Sie niemand insoweit haftbar machen wird oder kann. Dies gilt natürlich erst Recht dort wo nur eine moralische Pflicht oder gar keine Pflicht zum Aktivwerden besteht. Auch hier können und müssen Sie sich entscheiden ob und was Sie tun.
  • Regelmäßig werden Sie bei dieser Entscheidung auch einen Blick auf die Anderen (sowohl auf Ihre Kollegen, als auch auf Ihre Vorgesetzten und andere Organisationsmitglieder aber auch auf Familie, Kunden, Betroffene, Behörden und eventuell auch Öffentlichkeit) werfen und überlegen, ob diese Ihr Handeln oder Nichthandeln wahrnehmen und wenn ja, wie diese darauf reagieren würden. Hinsichtlich des Wahrnehmens haben wir einen Vorschlag: Stellen Sie sich doch einfach einmal vor, es würde massiv wahrgenommen und stünde morgen mit allen Fakten in der Zeitung. Dieses Gedankenexperiment hilft Ihnen vielleicht dabei eine moralische Entscheidung zu treffen, mit der Sie auch morgen noch leben können. Aber natürlich sollten Sie jenseits der Wahrnehmung auch versuchen die möglichen Folgen zu antizipieren. Hier helfen Fragen wie: Gibt es rechtliche, organisatorische Regelungen was zu tun ist und was die Folgen sind? Gibt es Beispiele ähnlicher Situationen und was ist dort passiert? Sind diese Situationen wirklich vergleichbar? Wissen Sie genug um die Sachverhalte vergleichen zu können? Sind die Akteure, deren Stellung in der Organisation und die persönlichen Beziehungen zwischen ihnen vergleichbar?
  • Machen Sie sich spätestens an dieser Stelle auch Ihre eigenen Motive klar, die Bedeutung der Angelegenheit für Sie und was Sie letztlich bereit und in der Lage sind einzusetzen (an Zeit, Geld und Kraft). Wenn auch egoistische Motive eine Rolle spielen oder wenn Sie selbst sich etwas zu Schulde haben kommen lassen, könnte auch dies gegen Sie verwandt werden. Malen Sie sich die schlimmste Reaktion aus, die Sie sich vorstellen können und fragen Sie sich, ob und warum Sie dieses Risiko eingehen wollen. Können Sie und Ihr Gewissen damit leben, nichts zu tun? Welche Alternativen gibt es?
  • Bei der Frage nach Alternativen sollten Sie in vier grundsätzliche Richtungen schauen, d.h. sie könnten: 1. Den Missstand ignorieren und gar nichts tun („neglect“). 2. Sich dafür entscheiden sich der Situation zu entziehen und die Stelle oder die Organisation zu verlassen („exit“). 3. Eventuell haben Sie auch die Option selbst unmittelbar aktiv zu werden und den Missstand zu bekämpfen oder abzustellen („action“) oder 4. Sie sprechen den Missstand an und fordern andere auf ihn zu bekämpfen oder abzustellen („voice“ = Whistleblowing). Im konkreten Fall kann Ihre Lösung dabei natürlich auch aus einer Mischung dieser grundsätzlichen Reaktionsarten bestehen.
  • Wenn Sie sich grundsätzlich für die Option des Whistleblowings, also hinsichtlich des  „ob“ entschieden haben, gehen Sie gleichsam in Phase 3 über, sollten aber, bevor Sie zur Tat schreiten nochmals genau darüber nachdenken „wie“ Sie dies am besten tun und sich dabei zumindest in Gedanken immer noch die Option offen halten wieder zu Phase 2 zurück zu gehen, falls Sie keine befriedigende Lösung für das „wie“ finden.

Tipps zu Phase 3: Aktion nach Entscheidung über “wie” 
Wer soll wie und mit welchen Informationen und Zielsetzungen kontaktiert werden?

  • In dieser Phase geht es u.a. um die Entscheidung zwischen den unterschiedlichen Formen des Whistleblowings. Dabei sollten Sie sich zunächst die Frage stellen ob anonymes oder vertrauliches Whistleblowing für Sie (noch) als Option in Betracht kommt. Dies ist umso weniger der Fall je offener Sie bereits in den Phasen zuvor mir Dritten in Kontakt getreten sind und dabei deutlich gemacht haben, dass Sie sich für einen möglichen Missstand interessieren oder diesen sogar kritisiert haben. Auch wenn es um sehr spezielle Sachverhalte geht und Sie der Einzige sind, der die Informationen oder Dokumente haben kann die zur Meldung des Missstandes benötigt werden, bleibt Ihnen nur offenes Whistleblowing oder eine Umwegstrategie mit Hilfe derer Sie zunächst dieses Informationsmonopol brechen und die Informationen möglichst unauffällig auch für weitere Personenkreise verfügbar machen. Generell gilt, je größer der Kreis derjenigen ist, der über einen Missstand Kenntnis hat und je weniger Sie sich durch frühere oder aktuelle kritische Äußerungen aus diesem Kreis herausheben, desto weniger wird bei einem anonymen oder vertraulichen Whistleblowing vermutet werden, dass Sie der Whistleblower sind. Diese Prüfung ist natürlich vor allem dort wichtig, wo Sie sich für einen rechtlich unzulässigen Weg des Whistleblowings, z.B. die direkte Information der Medien entscheiden wollen und Sie somit für Ihren Schutz auf Vertraulichkeit und Anonymität angewiesen sind. Außerdem müssen Sie sich bewusst sein, dass wenn Sie auf Vertraulichkeit und Anonymität setzen, Sie diese Linie auch durchhalten müssen bis Sie den daraus resultierenden Schutz nicht mehr benötigen. Dies erfordert ein gewisses Know-how, Disziplin bei und auch psychische Stabilität und dies, jedenfalls dort wo Sie auf Vertraulichkeit setzen oder Dritte über Ihr Whistleblowing informiert haben, auch bei Ihren hoffentlich gut ausgewählten Vertrauenspersonen.
  • Um die Frage zu beantworten, an wen Sie sich mit Ihrem Whistleblowing wenden sollen, sollten Sie sich zunächst mit den für Sie geltenden rechtlichen Rahmenbedingungen vertraut machen. Dazu gehört auch sich das Wissen anzueignen, welche Mechanismen innerhalb Ihrer Organisation für eine solche Situation bereit stehen, also insbesondere, ob ein Hinweisgebersystem existiert, welches Vorgehen insoweit von Ihnen erwartet wird. Vergleichen Sie ruhig auch einmal die Ausgestaltung jener Regeln in Ihrer Organisation mit den Vorschlägen die wir hierzu machen. Entscheidend sollte für Sie aber sein wie dieses System in Ihrer Organisation in der Praxis funktioniert und ob es in der Lage ist die auf dem Papier gemachten Versprechungen von Schutz und Abhilfe auch einzulösen.
  • In einigen Fällen entschließen sich jene die einen Missstand beobachten auch den dafür vermeintlich Verantwortlichen direkt anzusprechen und ihn aufzufordern sein Verhalten zu ändern. Gerade dort wo es um kleinere Missstände geht, Kollegen oder gar Freunde betroffen sind und vielleicht auch keine Vereitelungsgefahr besteht, sollte Sie ruhig auch diese Option in Betracht ziehen.
  • Internes Whistleblowing auf möglichst niedrigem hierarchischen Niveau ist in der Praxis die Erste Option der Wahl für die weitaus meisten Whistleblower. Wenn Sie Vertrauen z.B. in Ihren unmittelbaren Vorgesetzten und dessen Handlungswillen haben, spricht auch durchaus einiges dafür diese Option zu wählen. Erfahrungsgemäß wird diese Form von Whistelblowing, erst Recht dort, wo zuvor dem Betroffenen Gelegenheit gegeben wurde, sein Verhalten zu ändern, von den Kollegen und anderen Beobachtern am ehesten toleriert. Sie trägt auch dem Rechnung, was die Bibel in Matthäus 18, 15-17 empfiehlt. Andererseits sind damit aber die Möglichkeiten einer vertraulichen oder anonymen Meldung dauerhaft vergeben und es ist keineswegs ausgeschlossen, dass Ihre Kollegen bereits dies als Verrat ansehen werden, dass  ihr Vorgesetzter sich von Ihnen unter Druck gesetzt sieht, meint dass Sie sich da raushalten sollten oder gar selbst mit den Tätern in einem Boot sitzt, kurz: dass Sie bereits mit dieser Form des Whistleblowings bei einigen Leuten auf die Abschussliste kommen und Sie in der Folge unterschiedlichsten Diskrimnierungen ausgesetzt werden.
  • Ganz abstrakt betrachtet gilt es denjenigen als Adressaten auszusuchen, der Ihnen zu den geringsten Kosten für Sie selbst den meisten Nutzen im Hinblick auf die von Ihnen angestrebten Ziele bietet, wobei diese Auswahlentscheidung eine Prognoseentscheidung mit einem hohem Grad an Ungewissheit darstellt
  • Dabei sollten Sie Ihre möglichen Ziele definieren und deren Bedeutung gewichten. Geht es Ihnen darum nur Ihre Meldung gemacht zu haben, um sich so von der Verantwortung zu entlasten, nichts unternommen zu haben oder wollen Sie mit Ihrem Whistleblowing etwas bewirken? Geht es darum dazu beizutragen, einen Täter für einen einmaligen Vorgang in der Vergangenheit zur Verantwortung zu ziehen, um die Unterbindung von Wiederholungstaten, um einmalige Risiken oder um strukturelle Defizite? Haben Sie auch persönliche Ziele? Was sind Ihre Motive und welche guten Gefühle erhoffen Sie sich, wenn Sie Ihr Ziel erreichen? Neben den Zielen sollten Sie aber auch auf die möglichen Kosten achten. Was sind Sie bereits aufs Spiel zu setzen? Ihr Ansehen bei den Kollegen und Chefs? Ihre Karrierechance? Wollen Sie eine Kündigung oder Abmahnung riskieren?  Wie fühlen Sie sich, wenn Sie sich die Geschichten anderer Whistleblower durchlesen und sich vorstellen, selbst in eine solche Situation zu kommen? Wie reagieren Sie, wenn die Reaktion des von Ihnen zunächst angesprochenen Adressaten nicht so ausfällt wie Sie sich es erhoffen? Würden Sie dann weitermachen? An wen? Würden Sie notfalls auch eine rechtliche Auseinandersetzung in Kauf nehmen oder doch noch den Weg in die Öffentlichkeit suchen?
  • Damit ist eine weitere Kategorie angesprochen, die für Ihre Entscheidung eine Rolle spielen kann. Es macht manchmal durchaus Sinn sich noch Pfeile im Köcher zu behalten und sich bestimmte Adressaten für später aufzubewahren. Taktisch kann es auch klug sein bestimmte Personen zuerst nachweisbar informiert zu haben, um diesen Umstand dann in späterem Whistleblowingschritten thematisieren zu können. Es macht z.B. für eine oft an Personen festmachende Skandalisierung in den Medien durchaus einen Unterschied, ob „nur“ eine  nachgeordnete Behörde oder aber ob ein Minister persönlich zu einem bestimmten Zeitpunkt nachweisbar Kenntnis von einem Missstand hatte.
  • Bei all dem sollten Sie sich auch klarmachen, dass unterschiedliche Adressaten über einen unterschiedlichen Grad von Vorinformationen und über ganz unterschiedliche Einwirkungsmöglichkeiten in Bezug auf den Missstand verfügen und die Möglichkeiten Sie zu schützen bei den unterschiedlichen Adressaten ebenfalls ganz unterschiedlich ausgeprägt sind. Die besten Karten haben Sie in der Regel, wenn es Ihnen gelingt die Hierarchie Ihrer Organisation davon zu überzeugen, die Ihr zur Verfügung stehenden Mitteln für Ihr Ziel der Missstandsbekämpfung einzusetzen. Rechtlicher Zugriff von Außen wird, jedenfalls dort wo damit keine Überzeugungsänderung in der Organisation einhergeht,  in der Regel Abwehrmechnismen bei der Organisation in Gang setzen (z.B. Gegendarstellungen notfalls auch mit einer flexiblen Auslegung der Wahrheit, rechtliche Angriffe auf Ihr Beschäftigungsverhältnis, zivilrechtlich Schadensersatzansprüche oder strafrechtliche Gegenangriffe wie z.B. durch Anzeigen wegen Verleumdung, Geheimnisverrat oder Beleidigung, Angriffe auf Ihren Ruf, ihre psychische oder gar körperliche Integrität) und die Bereitschaft fördern, es Ihnen heimzuzahlen. Dies gilt erst Recht dort, wo sich eine Organisation in der Öffentlichkeit angegriffen fühlt. Allerdings kann öffentliche Berichterstattung – wenn es Ihnen gelingt diese in nachhaltiger Art und Weise zu erreichen – auch große Wirkungen auf Politik und Behörden haben, die sich auf einmal zum Einschreiten genötigt sehen. Auch die Abwendung eines drohenden Imageverlustes oder drohenden Einbrüchen auf Absatzmärkten hat schon so manche Organisation dazu gebracht sich doch noch zu bewegen (oder zumindest gegenüber der Öffentlichkeit diesen Eindruck zu erwecken). Fragen Sie sich aber auch kritisch wie realistisch es wirklich ist, dass sich Behörden oder Medien für Ihren Fal interessieren.
  • Bei all dem kann es nicht schaden sich, alle aus eigener Sicht im konkreten Fall möglichen Adressaten einmal auf einem Blatt zu notieren und bei jedem etwas zu Gefühl, Prognose, Zielerreichung und Kostenrisiko zu notieren. Haben Sie an alle gedacht: Kollegen, Betriebs-/Personalrat, besondere betriebliche  Beauftragte, unmittelbare Vorgesetzte, weitere Hierarchie, Ombudsmann,  Compliance-Abteilung, Hinweisgebersystem, Rechtsabteilung, Vorstand, Aufsichtsgremien, zuständige Behörden, Polizei, Staatanwaltschaft, Ministerium, Politiker, Parlament, Blogger, Journalisten, Leaking-Plattformen, Medien-Briefkästen, Missstandsopfer, Gewerkschaften, Nichtregierungsorganisationen, …?
  • Am Ende all dieser Überlegungen wird es meist keine im Vorfeld klar feststehende objektiv beste Option geben und bei aller Planung und Überlegung, sollten Sie auch stets darauf achten, ob sich dieser Adressat auch als für sich als richtig anfühlt, ob Sie ihm vertrauen. Passen Sie auch auf, dass Sie sich nicht selbst in eine Angstsspirale hereinmanöverieren die zu Untätigkeit führt.
  • Wenn Sie sich entschieden haben, an wen Sie sich wenden wollen ist auch noch zu klären, wie und mit welchen Inhalten Sie dies tun. Beim „wie“ spricht einiges dafür einen Weg (also z.B. die Schriftform) zu wählen, der es Ihnen ermöglicht einen genauen Nachweis zu erbringen, wann sie wen worüber informiert haben und dass und wann dieser Adressat diese Information erhalten hat. Aus rechtlicher Sicht können Sie so später einmal nachweisen, dass Sie die Grundregel befolgt haben, dass Whistleblowing in der Regel zunächst intern erfolgen muss und notfalls auch leichter belegen, dass bestimmte Benachteiligungen oder Verschlechterungen Ihrer Beurteilungen/Karriere zumindest in zeitlicher Folge erst nach Ihrem Whistleblowing eingesetzt haben  Aber auch für eine politische oder journalistische Verwertung ist der Nachweis, dass man intern seit langem Bescheid wusste oft wesentlich.
  • Andererseits kann eine schritliche Meldung gerade beim Vorhandensein enger Nähebeziehungen zwischen Absender und Adressatem als überzogene Formalie und Vertrauensbruch oder gar als Angriffsvorbereitung angesehen werden und eine absichernde oder abwehrende Reaktion beim Gegenüber hervorrufen, wo ein informelles Gespräch viel mehr hätte bewegen können. Es mag auch Fälle geben, wo jemand informell bereit wäre eine Lösung für Ihr Problem zu finden, offiziell mit der Geschichte aber nichts zu tun haben will. Hier spielt auch die Kultur in Ihrer Organistation und das dort Übliche eine Rolle.
  • Die Dauerhaftigkeit einer schriftlichen Meldung hat noch weitere Vor- und Nachteile. Sie zwingt Sie zur Klarheit und dazu präzise zu formulieren und sollte Sie auch davon abhalten Dinge zu behaupten, die Ihnen später als Falschbehauptungen nachgewiesen werden können. Auch abwertende Äußerungen sollten immer, aber gerade bei schriftlichen Äußerungen tabu sein. Ansonsten gilt: Denken Sie an den Empfängerhorizont (der je nach Adressat höchst unterschiedlich ist), knüpfen Sie an beim Adressaten bestehendes Vorwissen an und vermitteln Sie das beim Empfänger eventuell fehlende Kontextwissen, damit dieser eine Chance hat zu verstehen, wie Sie dazu kommen einen Missstand oder Risiko zu vermuten. Vermeiden Sie z.B. Abkürzungen und Fachslang wenn dieser Ihrem Adressaten nicht vertraut ist. Schildern Sie möglichst zurückhaltend und am besten in chronologischer Folge Ihre Wahrnehmungen und die sich daraus ergebenden Fragen und warum diese aus Ihrer Sicht auf ein Risiko oder einen Missstand hindeuten könnten. Lassen Sie die Möglichkeit offen, dass Sie sich täuschen und bieten Sie Ihrem Gegenüber an, Ihre eventuellen Fehleinschätzungen zu korrigieren.  Spekulieren Sie nicht und ziehen Sie keine insbesondere keine (rechtlichen) Schlussfolgerungen in Bereichen in denen Sie kein Experte sind. Empfehlungen des Whistelblowers an den Adressaten für konkrete Aktivitäten und Veränderungen oder Lehren aus dem Missstand sind zweischneidig. Einerseits können Sie damit zeigen, dass es Ihnen nicht um den Blick in die Vergangenheit, sondern um eine konstruktive Verbesserung für die Zukunft geht, andererseits könnte der Adressat dies auch als Einmischung in seine Entscheidungsbefugnisse und Besserwisserei interpretieren. Wenn Sie jemanden haben, dem Sie voll vertrauen können, sollten Sie Ihr Schreiben vor dem Abschicken auch einmal von jener Person gegenlesen lassen.
  • Sie müssen sich auch überlegen, welche der von Ihnen gesammelten Informationen und Belege Sie mit Ihrem Whistleblowing offenlegen wollen. Einerseits müssen Sie Ihrem Adressaten genügend Fakten bieten, dass dieser zumindest einmal beginnt sich für die Sache zu interessieren und sie nicht mit den Worten „da ist ja nichts dran“ vom Tisch wischen kann. Sie müssen ihm auch das Gefühl vermitteln, dass Sie ihn ehrlich informieren und er alles Wesentliche von Ihnen erfahren hat oder zumindest auf Nachfrage erfahren kann um das nötige Vertrauensverhältnis nicht zu gefährden. Andererseits kann es manchmal durchaus sinnvoll sein, nicht direkt alle Karten auf den Tisch zu legen und erst einmal einen Testballon zu starten um auszuloten ob Sie den richtigen Adressaten gefunden haben. Vor allem mit der Offenlegung von Belegen, die Sie zwar haben, über die Sie offiziell aber vielleicht gar nicht verfügen dürfen ist größte Vorsicht geboten.
  • Was den Kreis Ihrer Unterstützer angeht, ist es einerseits ganz gut von Anfang an nicht allein sondern mit mehreren Personen aufzutreten um so dem Anliegen mehr Gewicht zu verleihen, andererseits hat es aber auch Vorteile wenn Sie noch ein paar Unterstützer in der Deckung haben und diese so auch vor einer „Bearbeitung“ durch die Gegenseite geschützter sind.
  • Machen Sie sich auch juristisch schlau, suchen Sie sich frühzeitig einen guten Anwalt und investieren Sie viel Zeit in die Auswahl (im Idealfall sollte er/sie sich mit der grundlegenden Materie auskennen, Zeit für Sie haben, Ihre (politische/soziale/ökologische) Motivation teilen und auch bereit sein außerhalb des rein juristischen Bereichs mitzuarbeiten). Geld, welches Sie rechtzeitig in einen guten Anwalt investieren, zahlt sich später aus.
  • Beim vertraulichen und anonymen Whistleblowing sind darüber hinaus noch Sicherheitsvorkehrungen zu treffen, die die Vertraulichkeit und Anonymität wahren. Hierfür sind in erster Linie Sie selbst verantwortlich, blindes Vertrauen in Zusicherungen Dritter ist unangebracht, denn letztlich sind Sie derjenige, der den Schaden hat wenn Ihre Identität auffliegt. Grundsätzlich sollten Sie vor allem im Büro so wenig Spuren wie nur irgend möglich hinterlassen. Internetrecherchen vom Büro aus sollten genauso Tabu sein wie Emails die irgendwie mit Ihrem Whistleblowing in Zusammenhang gebracht werden können. Gehen Sie zu Ihrer Sicherheit davon aus, dass alles was Sie an Ihrem Bürocomputer machen dauerhaft protokolliert wird. Jedenfalls ab einer bestimmten Risikostufe, die sich aus der Brisanz des Missstandes und der Macht Ihres Gegners ergibt, sollten Sie auch Spuren bei sich zuhause (Rechner, Papier, Telefonverbindungen) vermeiden. Wenn Sie Informationen an Dritte weiterleiten, sollten Sie sich jeweils klar machen, welche Hinweise auf Ihre Identität damit verbunden sind. Außerdem sollten Sie Vorkehrungen (z.B. Verschlüsselung, Nutzung von Anonymisierungsdiensten unregistrierten Handys, Telefonzellen, Internetcafes außerhalb ihres Wohn- und Arbeitsbereiches) treffen, dass die Kommunikation mit dem Adressaten nicht von Dritten mitgehört oder abgegriffen werden kann und dass auch die Tatsache dass Sie beide kommunizieren Dritten möglichst verborgen bleibt. Schließlich ist auch Ihr Adressat von entscheidender Bedeutung. Vielfach finden sich Behauptungen wie „wir behandeln Ihre Daten und Identität streng vertraulich“. Diese sollten Sie äußerst kritisch hinterfragen und zwar nach technischen Vorkehrungen zur Absicherung dieser Zusage, als auch nach rechtlichen. Letztlich gilt, wenn die Person nicht über ein rechtlich abgesichertes Zeugnisverweigerungsrecht verfügt, bereit ist dieses zu nutzen und gleichzeitig auch technisch versiert genug ist um mit vertraulichen Informationen umzugehen, droht immer eine Aufdeckung Ihrer Identität. Dies gilt z.B. auch im Umgang mit Behörden, da die Gegenseite bzw. deren Anwalt, ab einem bestimmten Verfahrensstadium Kenntnis von dem Verfahren und dann über eine Akteneinsicht auch von allen Akteninhalten erlangen kann. Ihr Name sollte also möglichst nicht in den Akten auftauchen, was nur die wenigsten Ermittler bereit sein werden Ihnen zuzusichern.
  • Machen Sie sich auch Gedanken zum richtigen Zeitpunkt ihres Whistleblowings. Erste Frage ist dabei natürlich wie dringend ein Handeln geboten ist, um (weitere) (schwerwiegende) Schädigungen durch den Missstand zu vermeiden. Aber, insbesondere dort wo keine direkte Aktion geboten ist, sollten Sie auch andere Gesichtspunkte berücksichtigen. So z.B. ob Sie Ihren Schutz in der Zeit bis zur Meldung noch etwas verstärken können. Eine Rechtsschutzversicherung hat z.B. Wartezeiten bevor Sie eingreift und auch ein Gewerkschaftsbeitritt kann ihren Rechtsschutz erleichtern. Es kann auch eine Option sein sich zuerst einen neuen Job zu suchen und erst dann zum Whistleblower zu werden. Jedenfalls kann es nicht schaden sich Alternativen zu eröffnen, Ihre Falldokumentation auszubauen und sich weitere Verbündete zu suchen (hier sei nochmals auf unsere fünf wichtigsten Tipps hingewiesen).
  • Aber auch in anderer Hinsicht gilt es den richtigen Moment für das Whistelblowing zu planen: Haben Sie schon alle Belege die Sie brauchen zusammen? Wann ist der richtige Moment um potentielle Unterstützer anzusprechen? Wann ist der potentielle Adressat, z.B. der Chef, am ehesten in der Stimmung Ihnen zuzuhören und Kritik an sich heranzulassen? Steht demnächst eine behördliche Inspektion an oder ist ein Bericht abzugeben der sich auch auf den Bereich bezieht für den  der Missstand relevant ist? Gibt es Umstände die Ihr Thema gerade jetzt auf gesteigerte Ressonanz, z.B. in der Öffentlichkeit stoßen lassen? Stehen für den Politiker den Sie ansprechen wollen bald Wahlen bevor? Ist derjenige den Sie für den Missstand verantwortlich machen gerade unangreifbarer Held oder ohnehin in der Kritik?
  • Bei all dem gilt aber auch: Warten Sie nicht zu lange! Schmieden Sie dass Eisen solange es noch heiß ist. Der Schnee von Gestern und längst verjährte Taten interessieren im Zweifel niemanden mehr. Außerdem gilt es auch eine Aufschieberitis zu vermeiden, die Sie letztlich vom Whistleblowing abhält, obwohl Sie es eigentlich für nötig hielten.
  • Gehen Sie auch nochmal die Punkte durch, die für einen Angriff gegen Sie genutzt werden könnten. Wie sind Sie hier aufgestellt, welche Schwächen können Sie noch ausbügeln? Wenn auch egoistische Motive eine Rolle spielen oder wenn Sie selbst sich etwas zu Schulde haben kommen lassen, könnte auch dies gegen Sie verwandt werden. Malen Sie sich die schlimmste Reaktion aus, die Sie sich vorstellen können und fragen Sie sich, ob und warum Sie dieses Risiko eingehen wollen. Können Sie und Ihr Gewissen damit leben, nichts zu tun? Welche Alternativen gibt es?
  • Stellen Sie sich auf Reaktionen ein. Informieren Sie sich darüber, was anderen Whistleblowern widerfahren ist und überlegen Sie vorab, wie Sie damit zurecht kommen würden. Weiß Ihr Partner und ihr engstes persönliches Umfeld über Ihr Vorhaben Bescheid? Wollen Sie diese Einweihen? Nehmen Sie deren Fragen, Anregungen und Ängste ernst und hinterfragen Sie Ihre eigene Position. Sichern Sie sich deren Rückhalt, denn ohne die Unterstützung Ihrer Familie und Ihrer Freunde könnten Sie später einmal für Sie bisher unabsehbare Probleme bekommen.
  • Und dann: Überwinden Sie Ihre Ängste, zeigen Sie Zivilcourage, werden Sie zum Whistleblower!

Tipps zu Phase 4: Warten auf Reaktion
Wie lange muss ich warten, was wird passieren, wie kann ich meine Situation verbesssern?

  • Obwohl es auf den ersten Blick nicht so erscheinen mag, ist diese Phase vielleicht die schwerste beim Whistleblowing. In der Phase zuvor haben Sie Hoffnungen in einen Adressaten investiert und ihm einen Vertrauensvorschuss gegeben, jetzt müssen Sie abwarten, ob sich dies als gerechtfertigt herausstellen wird. Während Sie in den vorherigen Phasen aktiv waren Informationen gesammelt, dokumentiert und abgewogen haben ist dies eher eine Phase der Untätigkeit und der quälenden Ungewissheit.
  • Vielleicht hatten Sie die Gelegenheit von Ihrem Adressaten eine Schätzung zu bekommen, wann mit seiner Reaktion zu rechnen ist, dann haben Sie wenigstens einen Anhaltspunkt. Manchmal aber wissen Sie noch nicht einmal, ob Ihre Meldung überhaupt eingegangen ist und gelesen wurde.
  • Es hilft nichts, ein wenig Geduld sollten Sie schon aufbringen. Bedenken Sie, dass zu frühes und zu häufiges Nachhaken den Adressaten gegen Sie aufbringen kann. Trösten Sie sich damit dass eine sorgfältige Bearbeitung Ihres Hinweises eben auch ihre Zeit braucht.
  • Nutzen Sie die Zeit um sich von den anstrengenden und aufregenden Überlegungen und Aktivitäten der vorherigen Phasen zu erholen. Sie haben das Nötige getan, seien Sie stolz darauf, aber legen Sie die Sache auch ersteinmal ein wenig zur Seite. Achten Sie darauf, dass Ihr Whistleblowing nicht zuviel Platz in Ihrem Leben und in Ihrem Kopf einnimmt, dass Sie abschalten können und andere Menschen und Dinge haben die Ihnen wichtig sind und bleiben.
  • Eventuell werden Sie in dieser Phase auch schon erste Reaktionen beobachten, oder zumindest meinen dies zu tun. Schauen Andere Sie auf einmal anders an, geht man Ihnen aus dem Weg? Versuchen Sie auch  diesbezüglich die Ruhe zu bewahren. Gibt es wirklich objektive Anzeichen für Veränderungen, können diese Personen zu diesem Zeitpunkt schon von Ihrem Whistelblowing wissen? Wenn es solche Anzeichen gibt, sollten Sie sich möglichst genau notiieren, wann was passiert ist oder gesagt wurde, wer agiert hat und wer dies auch beobachtet hat. Es kann sein, dass hier ein Mobbing-Ablauf in Gang kommt, daher sollten Sie sich auch unsere diesbezüglichen Hinweise durchlesen und entsprechend agieren.
  • Wenn Sie eine angemessene Zeit gewartet und Sie dennoch keine Reaktion erhalten haben, können Sie versuchen bei Ihrem Adressaten nochmals höflich nachzufragen, ob und wann Sie denn eine Reaktion erhalten werden. Auch die Art, wie mit dieser Nachfrage umgegangen wird,  kann Ihnen Anzeichen bieten, was Sie zu erwarten haben.
  • Ob Sie eine energisches (zweite) Nachfrage starten sollten Sie davon abhängig machen in welcher Beziehung Sie zum Adressaten stehen, wie gut Ihre Karten sind. Je eindeutiger Ihre Fakten sind, je größer der Missstand ist, je eher der Adressat zu einer Reaktion verpflichtet ist, je mehr Möglichkeiten Sie im Falle einer Nicht-Reaktion oder bei einer Negativen-Reaktion haben den Erstadressaten durch ein weiteres Whistleblowing unter Druck zu setzen, desto eher können Sie vom Erstadressaten verlangen, bis zum Ablauf einer von Ihnen gesetzten angemessen Frist zu reagieren. Drohungen sollten Sie dabei am besten ganz vermeinden oder allenfalls vage durch die Blume andeuten. Drohungen mit rechtlich unzulässigen Aktionen Ihrerseits, z.B. dem regelmäßig unzulässigen Gang an die Öffentlichkeit, sollten Sie in jedem Falle vermeiden, da Sie sich damit nur selbst schaden.

Tipps zu Phase 5: Bewertung der Reaktion
Ist die Reaktion zufriedenstellend, was passiert in der Sache was passiert mit mir, mache ich weiter?

  • Hoffentlich ist es nun Zeit für Sie zu feiern. Wenn alles geklappt hat, haben Sie eine positive Reaktion hinsichtlich des Inhalts Ihres Whistleblowings erfahren d.h. der Missstand wurde erkannt, bekämpft und abgestellt, Verantwortliche werden zur Rechenschaft gezogen. Außerdem haben sie keinerlei negative Reaktionen hinsichtlich der Tatsache erfahren müssen, dass Sie zum Whistelblower wurden, im Gegenteil vielleicht sogar Anerkennung, Lob oder eine gar eine Belohnung. Sie konnten Erfahren, dass Whistleblowing etwas bewirkt, dass Sie etwas bewirken und einen kleinen Beitrag für eine bessere Organisation, vielleicht sogar für eine bessere Welt leisten konnten. Dies tut Ihnen gut und tut vielen gut, die es mitbekommen. Es inspiriert zur Nachahmung. Sie haben das Ziel erreicht!
  • In anderen Fällen ist es schwerer zu entscheiden, ob Sie am Ende Ihrer Whistleblowing-Phasen angelangt sind. Es ist aber auch hier an der Zeit Bilanz zu ziehen: Inwieweit Sie Ihre Ziele erreicht? Welche Kosten hat das Whistleblowing für Sie mit sich gebracht? Die erste Frage zielt dabei vor allem auf die Dimension der Missstandsbekämpfung, die zweite  vor allem auf die persönliche Situation und des Schutzes vor Benachteiligungen.
  • Machen Sie sich klar, dass Sie hinsichtlich dieser beiden Dimensionen eventuell ganz unterschiedlich abgeschnitten haben und versuchen Sie in beiden Fällen nicht nur das kurzfristig offensichtliche zu sehen. So wird eine Organisation zum Beispiel manchmal nicht eingestehen wollen, dass ein Missstand bestanden hat, der aufgrund Ihres Whistleblowings abgestellt wurde, Sie und andere werden aber dennoch bemerken, dass bestimmte Machenschaften ein Ende gefunden haben, Strukturen verändert und z.B. Kontrollen verstärkt werden damit sich ähnliches in Zukunft nicht wiederholt. Scheuen Sie sich nicht, sich hierfür notfalls selbst auf die Schulter zu klopfen, auch in diesem Fall haben Sie zu einer Veränderung zu Positiven beigetragen und sollten Stolz darauf sein. Auch eine Benachteiligung, ja selbst einen Verlust des Arbeitsplatzes kann positive Aspekte haben die Sie nicht völlig aus dem Blick verlieren sollten, Sie sind werden dann sicherlich von einigen Personen und von Ihrer Organisation enttäuscht sein, aber zugleich ist dies auch eine Ende der Täuschung. Sie können nun klarer sehen, mit wem Sie es zu tun hatten und unter diesem Aspekt vielleicht auch froh sein der Organisation den Rücken kehren zu können, dies jedenfalls dann, wenn Sie sich schon frühzeitig um Alternativen gekümmert haben und dies erfolgreich war.
  • Bevor Sie sich der Frage, „Wie geht es weiter?“ widmen. sollten Sie auch noch ein wenig Zeit darauf verwenden zu überlegen, warum Ihr Whistleblowing auf gerade diese Reaktionen (wobei eine Nichtreaktion durch den Adressaten auf Dauer eben auch eine negative Reaktion ist) stieß.
  • Im Idealfall haben Sie hinsichtlich der Dimension Misstand eine Begründung für die Reaktion erhalten, vielleicht sogar einen Untersuchungsbericht. Prüfen Sie diese Begründung genau. Haben Sie sich vielleicht wirklich geirrt? Diese Möglichkeit sollten Sie auch hier wieder in Betracht ziehen. Lassen Sie sich von besseren Argumenten überzeugen und vergegenwärtigen Sie sich, dass Sie zum Zeitpunkt Ihres Whistleblowings aus Ihrer Perspektive, zumindest wenn Sie die oben angesprochenen Punkte beachtet haben, ganz legitim zu einer anderen Einschätzung kommen konnten, die Sie jetzt genauso sourverän revidieren dürfen. Wenn die Begründung Sie nicht auf Anhieb überzeugt, sollten Sie auch in Erwägung ziehen Personen Ihres Vertrauens zu bitten, Ihnen deren Einschätzung zur Reaktion mitzuteilen. Es kann durchaus sein, dass Sie zu sehr und zu lange auf Ihre Sicht der Dinge fokussiert waren, um selbst die Sache noch objektiv beurteilen zu können. Sie müssen vermeiden sich zu verrennen und dabei kann die Einschätzung von Vertauenspersonen und Freunden helfen.
  • Wenn Sie trotz allem zu der Einschätzung gelangen, dass die Reaktion in der Sache falsch war, müssen Sie sich entscheiden, ob Sie sich dennoch damit zufrieden geben und die Sache nunmehr auf sich beruhen lassen, ob Sie die Konsequenz ziehen die Organisation Ihrerseits zu verlassen, ob Sie bei demjenigen von dem Sie die Reaktion erhalten haben nochmals nachhaken oder, ob sie Ihrerseits ein neuerliches Whistleblowing an eine anderen Adressaten vornehmen wollen. In gewisser Weise beginnen die hier geschilderten Phasen also von neuem.  Eine Besonderheit dabei ist dass Sie es nunmehr eventuell nicht mehr nur mit einem auslösenden Ereignis bzw. Missstand zu tun haben, sondern mit bis zu dreien: Dem ursprünglichen Missstand der eventuell noch fortbesteht oder sich sogar noch verschlimmert hat, der Reaktion des Adressaten in der Sache, die Sie ja ebenfalls als Missstand empfinden und eventuelle Benachteiligungen Ihnen persönlich gegenüber.
  • Bei dem erneuten Durchlauf durch die unterschiedlichen Phasen des Whistleblowings sollten Sie auch Ihre Erfahrungen aus dem ersten Durchlauf nutzen und sich kritisch hinterfragen, ob das Resultat welches Sie erreicht haben nicht auch auf die Art und Weise Ihres Vorgehens zurückzuführen war. Sie werden mittlerweile auch eine bessere Einschätzung Ihrer Unterstützer haben und eher wissen auf wen Sie sich verlassen können. Allerdings sollten Sie nicht voraussetzen, dass eine einmal gewährte Unterstützung Ihnen auch bei einem erneuten Whistleblowing noch zu teil werden wird.
  • Der zweite und alle weiteren Durchläufe durch die Phasen sind im übrigen in der Regel durch eine Eskalation des Konflikts charakterisiert. Der nunmehrige Adressat muss in der Lage sein, die Reaktion des ersten Adressaten abzuändern. Es wird sich daher beim nunmehrigen Adressaten tendenziell um jemanden handeln der entweder innerhalb der Organisation hierarchisch höher steht oder aber um eine Behörde oder eine externe Instanz von der Sie sich erhoffen, dass Sie über genügend Macht verfügt, die vorherige Entscheidung auszuhebeln und den von Ihnen gewünschten Erfolg zu erreichen.
  • Zugleich ist jede vorherige negative Reaktion ein Umstand, der es einem neuen Adressaten schwerer macht, sich Ihrer Sicht der Dinge und Ihren Forderungen anzuschließen. Immerhin haben ja Personen oder Instanzen die für die Sache zuständig waren, in der Hierarchie über Ihnen stehen, und denen selbst Sie zugetraut haben darüber zu entscheiden, die Dinge ganz anders beurteilt als Sie. Und diese Personen werden in der Regel auch versuchen zu verhindern, dass jene vorherige Reaktion nun revidiert wird.
  • Eine hierarchisch höhere oder externe Eskalation droht auch ansonsten als Konfliktverschärfung bzw. Verrat wahr genommen zu werden. Demnach wächst auch das Risikio für Sie dafür Benachteiligt zu werden. Auch hierüber müssen Sie sich im klaren sein, bevor Sie in die nächste Whistleblowing-Runde starten.
  • Beobachten Sie auch was dies alles mit Ihnen macht. Sind Sie noch so ruhig, gelassen und psychisch stabil wie am Anfang oder hat sie dies alles schon bis hierher ganz schön mitgenommen? Bekommen Sie aus dem Familien oder Freundeskreis die Rückmeldung, dass Sie sich verändert haben? Leidet Ihre Lebensqualität, haben Sie noch Spaß an anderen Dingen und können Sie noch Abschalten? Wie lange wollen Sie noch weitermachen, wie weit wollen Sie gehen? Geht es noch um die Sache oder ist dies steht das Recht haben wollen nunmehr im Vordergrund?
  • Jedenfalls dort wo Sie persönlich zum Opfer von Angriffen und Benachteiligungen geworden sind können Sie auch den Rechtsweg beschreiten. Aber bedenken Sie, dass auch hier Recht haben und Recht bekommen zwei ganz unterschiedliche Dinge sind. Im Vordergrund stehen die Beachtung von Formalien und Fristen und auch die Frage des Nachweises von Benachteiligungen und Ihrer kausalen Verbindung zu einem rechtmäßigen Whistleblowing ist von entscheidender Bedeutung. Frühzeitige kompetente Rechtsberatung und die Qualität Ihrer Dokumente und Ihrer Dokumentation sind das A und O. Außerdem sollten Sie berücksichtigen, dass: jedes Gerichtsverfahren gegen den eigenen Arbeitgeber mit weiteren Belastungen des Arbeitsverhältnisses einhergeht, Mobbing-Verfahren viel schwerer zu gewinnen sind als Kündigungsschutzklagen; Gerichte in Deutschland manchmal sogar selbst wenn eine Kündigung rechtswidrig war, ein Arbeitsverhältnis wegen Unzumutbarkeit seiner Fortsetzung auflösen; die Gegenseite zumeist den längeren Atem hat und Verfahren sich auch über mehrere Instanzen hinziehen können, was nicht nur Zeit sondern auch Nerven und Geld kosten kann, einige Arbeitgeber auch nicht vor unfairen Tricks zurückschrecken, also z.B. entscheidende Dokumente verschwinden, Betriebsräte und Kollegen unter Druck setzen oder Sie in der Branche schlechtmachen. Auf all dies sollten Sie vorbereitet sein.
Beachten Sie bitte, dass wir keine Rechtsberatung im Einzelfall anbieten und ersetzen können und wollen und dass wir auch rechtlich über keine Zeugnisverweigerungsrechte verfügen. Alle Tipps sind natürlich ohne Gewähr und Garantie. Für weitere Fragen stehen wir gerne zur Verfügung, wobei wir auch die Erfahrung gemacht haben, dass es für viele Whistleblower schon eine große Hilfe ist, einmal mit jemandem zu sprechen, der selbst schon ähnliche Erfahrungen gemacht hat.

Wir vom Whistleblower-Netzwerk sind uns bewusst, dass viele der obigen Aussagen dazu führen können, dass notwendiges Whistleblowing nicht stattfindet, während es uns eigentlich um das genaue Gegenteil geht. Wir sehen es als unsere Pflicht an Whistleblower nicht unbedarft in diese Situation gehen zu lassen.  Sie sollten sich aber auch bewusst sein, dass wir vorstehend versucht haben auf viele Szenarien einzugehen, die sich in den meisten Whistleblower-Fällen gar nicht ergeben. Wir glauben trotz allem, dass es immer mehr Unternehmen und Organisationen gibt, die Whistleblowing und andere Formen von Kritik am Arbeitsplatz ernst nehmen, sorgfältig damit und mit den Betroffenen umgehen und das gewaltige Optimierungs- und Innovationspotential nutzen das hierin liegt. Wir wünschen Ihnen dass Sie auf eine solche Organisation treffen und Sie auch wenn dies nicht der Fall ist, die Zivilcourage haben (mit unseren Tipps vielleicht ein wenig besser vorbereitet), dass zu tun, was sie für richtig halten, um morgen noch in den Spiegel schauen zu können.