Die fünf wichtigsten Tipps für Whistleblower

Wenn wir einen (potentiellen) Whistleblower nur fünf Tipps mit auf den Weg geben dürften, dann wären es diese:

1. Planvoll vorgehen
Seien Sie informiert, vorbereitet, versuchen Sie den nächsten Schritt des Gegenübers zu antizipieren und haben Sie Alternativen.
Einige sehr erfahrene Whistlblower vergleichen ihr Whistleblowing mit dem Schachspiel. Bei beidem geht es in der Tat darum die Züge des Gegners vorherzusehen und die eigenen daran auszurichten. Beim Schachspiel gelten allerdings für alle die gleichen Regeln, diese sind im vorhinein bekannt und die Truppen beider Seiten sind am Anfang gleich stark. Beim Whistleblowing ist zumindest dies oft ganz anders. Dennoch ist ein gewisses Maß an Planung möglich z.B. indem Sie sich rechtzeitig umfassend informieren, statt auf Einschüchterungen zu reagieren und vor allem in dem Sie alternative Wege suche um ihre Ziele oder zumindest einen Teil davon zu erreichen. Bei der Abschätzung des nächsten Zuges der anderen Seite sollten Sie um dessen offizielle Verlautbarungen und Richtlinien wissen, insbesondere die Regeln für die Meldung von Missständen oder eines Hinweisgebersystems kennen, aber in jedem Falle auch andere als offizielle Quellen, also insbesondere den „Flurfunk“ nutzen um anhand vergangenen Verhaltens noch eine bessere Abschätzung treffen zu können ob jene Regeln auch der Praxis entsprechen. Kernpunkt ist auch sich der Gewichtung verschiedenen eigenen Ziele (z.B. Missstand abstellen, Selbstschutz, psychische Gesundheit, Durchsetzung von Rechten, bewirken struktureller Änderungen, Entschädigung …) stets bewusst zu sein, um die eigene Strategie danach ausrichten zu können. Übrigens ist es in den meisten Fällen besser eine Email nicht direkt rauszuschicken und auch einen Anruf auf den nächsten Tag zu verschieben statt erregt unüberlegte Dinge zu tun, zu sagen und erst recht zu schreiben, die man später bereut. Soweit irgend möglich sollten Sie Ihre Pläne auch mit einer Person Ihres Vertrauens Durchsprechen, die bereit und in der Lage ist Sie auf Schwächen und Risiken hinzuweisen und die richtigen Fragen zu stellen. Wählen Sie die Art und den Adressaten Ihres Whistleblowing sorgfältig aus. Die unterschiedlichen Grundformen sind offenes, anonymes (mit oder ohne Rückkanal) und vertrauliches Whistleblowing. Machen Sie sich jeweils mit den Vor- und Nachteilen vertraut. Wenn Sie sich für anonymes Whistleblowing entscheiden, prüfen Sie, ob Sie dies über eine dritte Person Ihres Vertrauens (z.B. Anwalt) machen können. Machen Sie sich klar, dass es oft nur wenige Personen gibt, die über bestimmte Informationen und/oder Dokumente verfügen. Sie könnten dann sehr schnell enttarnt werden. Haben Sie eingeplant, wie Sie reagieren, wenn Ihre Anonymität auffliegt, der Kollege nebenan zu Unrecht unter Beschuss gerät, oder wenn Vertraulichkeit nicht gewahrt wird?


2. Respekt bewahren
Wenn Sie anfangen überall nur noch Feinde zu sehen und Menschen auch so zu behandeln werden Sie verlieren.
Respekt meint hier einerseits Respekt gegenüber Anderen, die gute Gründe für ihr Verhalten haben mögen, die sie einfach (noch) nicht kennen. Bleiben Sie deshalb im Umgang immer sachlich und korrekt und vermeiden Sie Verschwörungstheorien genauso wie Spott und Zynismus. Kümmern Sie sich um gute persönliche Beziehungen zur Personalabteilung und zum technischen Personal und halten Sie diese auch in Krisen aufrecht. Unterscheiden Sie zwischen Nachricht, Übermittelndem und Verantwortlichem. Seien Sie stets bereit sich von neuen Fakten überzeugen zu lassen und auch eigene Irrtümer und Fehler einzugestehen. Machen Sie sich klar, dass Sie immer nur einen Teil des gesamten Bildes sehen. Selbst wenn alle Anzeichen für Sie auf einen Missstand hindeuten, kann es doch manchmal eine Erklärung für Vorkommnisse geben, die auch Sie, sobald Sie auch über diese Information verfügen, davon überzeugen kann, dass gar kein Missstand vorliegt. Versuchen Sie im Umgang mit anderen wo nötig beharrlich zugleich aber auch geduldig. Erwarten Sie keinen Dank Anderer für Ihr Whistleblowing, sondern tun Sie es weil es für Sie das Richtige ist. Respekt meint auch Respekt gegenüber sich selbst. Whistleblowing, das auf Widerstände stößt, kann sehr belastend und langwierig werden. Dass sie dabei nicht immer so stark sein können, wie Sie es sich wünschen, ist ganz normal. Überfordern Sie sich nicht und schaffen Sie sich Whistleblowing-Freie-Zonen in ihrem Leben. Respektieren Sie auch die Grenzen Ihres Wissens und Ihrer Fähigkeiten und organisieren Sie sich Unterstützung um diese zu überwinden. Respekt ist schließlich auch gegenüber den Ressourcen und Grenzen der eigenen Unterstützer wichtig, seien Sie dankbar für jede Unterstützung die Sie erhalten, erwarten Sie nicht dass Dritte in alle Details ihres Falles einsteigen und respektieren Sie deren Nein.


3. Sauber dokumentieren
Sammeln Sie die Fakten und lassen Sie diese für sich selbst sprechen, Spekulationen und Anschuldigungen helfen nicht weiter.
Wenn Sie andere von der Richtigkeit und Wichtigkeit Ihres Anliegens überzeugen wollen, müssen Sie dieses Anliegen klar strukturiert darlegen und die Richtigkeit Ihrer Aussagen belegen können. Dafür kommen neben Dokumenten und Bestätigungen von Zeugen in begrenztem Umfang auch eigene Aufzeichnungen in Betracht (z.B. ein Mobbingtagebuch), die dann allerdings möglichst detailliert z.B. Aussagen von Personen nach erinnertem Wortlaut, Anwesenden Personen, Ort, Kontext und Zeitpunkt erfassen sollten, auch Emails, können teilweise als Beleg dienen, so z.B. wenn einem Gesprächspartner ein Protokoll einer Besprechung übermittelt wurde oder sich so belegen lässt, dass schon frühzeitig eine interne Meldung eines Missstandes erfolgte. Bei jedem Schritt, den man im Rahmem des Whistleblowings sollte man auch daran denken, wie dieser später im Falle des Bestreitens bewiesen werden könnte. Dies gilt sowohl für das inhaltliche Vorgehen im Hinblick auf den Missstand als auch für Reaktionen und Benachteiligungen, die Sie auf Ihr Whistleblowing hin erfahren. Bei Dokumenten Dritter sollte man beachten, dass es durchaus rechtliche Grenzen für das Anfertigen von Kopien und die Benutzung derartiger Dokumente geben kann, die im Notfall mit einem Rechtsanwalt  besprochen werden sollten. Andererseits kann es taktisch sein sich Kopien von Dateien oder Dokumenten zu machen, solange man noch Zugriff auf diese hat. Vorsicht: Tonaufzeichnungen ohne die Einwilligung des Betroffenen sind in Deutschland in der Regel unzulässig und sogar strafbar.  Zur Dokumentation gehört auch die Frage wie man sie z.B. durch Geltendmachung von Akteneinsichtsrechte, Informationsfreiheitsanträge oder Stufenklagen Zugang zu bei Dritten vorhandenen Dokumenten verschaffen kann. Schützen Sie Ihre Unterlagen vor unbefugtem Zugriff und erstellen Sie (verschlüsselte) Sicherheitskopien, die Sie an anderen Orten und/oder bei Personen Ihres Vertrauens aufbewahren.


4. Unterstützung suchen
Persönliche und fachliche Unterstützung und Solidarität hilft, aber sie zu erwerben und zu erhalten ist oft harte Arbeit.
Whistleblowing erfolgt typischer Weise in einer Situation des einzelnen Davids gegen eine mächtige Organisation. Hätte der Whistleblower genügend Macht könnte bräuchte er nicht den Adressaten um den Missstand abzustellen. Sofern es an der Einsicht des Adressaten fehlt den Missstand bekämpfen zu wollen, geht es darum genügend Druck zu entfalten um dieses Ziel dennoch erreichen zu können. Hierzu kann man sich evtl. der Rechtsordnung bedienen,aber schon dies geht in der Regel nur mit Unterstützung anderer. Aber auch jenseits rein rechtlichen Vorgehens ist Unterstützung Dritter, von dem Rückhalt des Partners und der Familie und der Solidarität von Kollegen und Beschäftigtenvertretern, über die Unterstützung durch vom MIssstand Betroffene, leitende Mitarbeiter in der eigenen Organisation und Experten über Solidaritätskreise und Whistleblower-Netzwerke bis hin zur derjenigen von Journalisten, Politikern und der Öffentlichkeit entscheidend für den Erfolg des Whistleblowings und den Schutz des Whistleblowers. Allerdings ist es oft nicht einfach diese Unterstützung zu erhalten und solange der Fall nicht bekannt ist oder nicht bekannt werden darf ist hier auch äußerste Vorsicht geboten, gerade bei anonymen Whistleblowing. Ein anderer wichtiger Punkt, den es zu beachten gilt, ist dass die potentiellen Unterstützer ganz unterschiedliche Gründe haben können, warum diese Ihnen helfen, auch haben diese ganz unterschiedliches Vorwissen und meist nur wenig Zeit innerhalb derer sie die Entscheidung treffen ob sie Ihnen helfen oder nicht. Deshalb sollten Sie sich in jedem Fall genau überlegen in welcher Form, mit welchen Informationen und mit welchem Anliegen Sie die jeweiligen Personen und Gruppen ansprechen und welche eigenen Interessen diese mit der Unterstützung für Sie verfolgen. Schon so mancher Whistleblower musste die Erfahrung machen, dass aus Unterstützer plötzlich Verräter wurden, weil hierfür entsprechende Belohnungen in Aussicht gestellt wurden. Scheuen Sie sich auch nicht sich professionelle Hilfe zu holen. Dies gilt außer für Anwälte auch dort, wo es um Hilfe für Ihre Seele und Ihre Psyche geht, die bei negativen Reaktionen auf Ihr Whistleblowing leicht in Mitleidenschaft gezogen werden kann. Berater, Psychologen und Ärzte können Sie stützen. Ein ärztliches Attest kann nützlich sein, um Sie erst einmal aus der aktuell belastenden Arbeitsumgebung herauszuholen und um ihren Leidensweg auch insoweit gerichtsfest zu dokumentieren.

5. Angriffspunkte vermeiden
Wenn die Gegenseite Ihre Fakten nicht wiederlegen kann, droht es persönlich und gefährlich zu werden, bieten sie keine Angriffspunkte.
Als Whistleblower sollten Sie vorher, während und nachher der perfekte Mitarbeiter sein, an dessen Leistungen und Verhalten es absolut nichts auszusetzen gibt und belegbar sollte dies alles möglichst auch noch sein. Leider kann es auch dann noch passieren, dass man Ihnen etwas anhängen will und auch darauf sollten Sie vorbereitet sein. Beachten sie die vorstehenden Hinweise, Informieren Sie sich über Ihre Rechte und Pflichten und setzen sie Übertretungen und Provokationen nur dort ein, wo Sie sich hinsichtlich der zu erwartenden Folgen eine Strategie überlegt haben, die sie auch durchhalten und umsetzen können. Angriffspunkte können auch Spuren sein, die Sie bei der Beschaffung von Belegen, bei der Suche nach Unterstützern oder beim vertraulichen oder scheinbar anonymen Kontakt mit potentiellen Adressaten hinterlassen. Der Bürocomputer und der Arbeitsplatz sollte für solche Aktivitäten daher immer Tabu sein und je nach Brisanz des Whistleblowings sind auch weitere Schutzmaßnahmen dringend anzuraten.