Antonia Peißker

Ein Jahr Bundesfreiwilligendienst beim Whistleblower-Netzwerk – was ist Dein Fazit und was machst Du jetzt?
Als größte Erkenntnis nehme ich aus dem Jahr mit, dass Whistleblowing weit mehr umfasst, als wir denken. Neben den bekannten, spektakulären Fällen greift es bis in die kleinteiligsten Alltagssituationen hinein. Es dreht sich ja nicht nur um die Gestaltung unserer Arbeitswelt, sondern auch z.B. unserer Finanz- und Gesundheitssysteme oder unserer Demokratie – letztlich unserer gesellschaftlichen Organisation.
Whistleblowing zeigt, wenn etwas in der bisherigen Organisation falsch läuft. Aus vielen Whistleblowerfällen lassen sich daher sehr deutliche Aufträge an die Politik ableiten: Bessere Kontrollen in Apotheken, mehr Transparenz in unserer Gesetzgebung oder auch die Schaffung anonymer Meldestellen in streng hierarchischen Behörden. Hinweisgeber legen bei bestimmten Zuständen, die von der Politik – und auch von der Bevölkerung – nicht mehr in den Blick genommen werden müssen, den Finger auf die Wunde. Mein persönliches Fazit ist daher, dass ich eigentlich nicht Whistleblowing fördern möchte, sondern eine hinterfragende, engagierte Zivilgesellschaft, die eine faire Arbeitswelt und ein besseres Miteinander ermöglichen kann, sodass Whistleblowing weniger notwendig wird. 
Aus diesem Grund habe ich mich nach dem letzten Jahr für ein Studienfach an der Europauniversität Viadrina in Frankfurt (Oder) entschieden, dass eine permanente Verbindung zwischen Jura und Politikwissenschaften schafft. Whistleblowing ist bei uns im Verein häufig ein sehr juristisches Thema, weswegen es mir persönlich wichtig ist, es für jeden auch politisch, kulturell oder psychologisch verständlich zu machen. Denn dass sich die gesetzlichen Rahmenbedingungen jetzt verbessern ist toll. Doch wenn währenddessen die Arbeitskultur schlichtweg die Alte bleibt, stoßen auch Gesetze an ihre Grenzen. Wir müssen hier stärker von innen herangehen, um diese Kultur zu verändern. Auch deswegen führe ich das im letzten Jahr entwickelte Schulprojekt beim Whistleblower-Netzwerk fort, bei dem wir Schülerinnen und Schüler in Workshops für Whistleblowing sensibilisieren.

Wie bist Du auf die Idee für das Schulprojekt gekommen und was soll damit erreicht werden?
Genau das war letztlich der Grundgedanke des Schulprojekts: Wie erreichen wir Menschen dafür, ihr eigenes Verhalten zu hinterfragen, im Arbeitskontext wie auch allgemein in unserer Gesellschaft? Eine mögliche Antwort ist: Bevor sie überhaupt mit aufzudeckenden Missständen konfrontiert werden. Es ist übrigens interessant, wie klar der Moralkompass bei Schülerinnen und Schülern in unseren Workshops immer ist. Und trotzdem melden sich junge Menschen ganz besonders selten bei gravierenden Missständen im Arbeitsumfeld. Das liegt natürlich zum einen an dem noch fehlenden Insiderwissen, doch auch Angst um die bevorstehende Karriere spielt hier eine Rolle Das Schulprojekt soll eine Vorstellung geben, in welche unangenehmen Zwickmühlen jeder im Arbeitsumfeld geraten kann. Es soll den Begriff „Whistleblowing“ vom Namen „Edward Snowden“ lösen, es dadurch greifbarer machen und erstes Wissen an die Hand geben, wie in solch einer Situation gehandelt werden kann. Es soll dafür sensibilisieren, dass das eigene Verhalten immer in einem größeren, gesellschaftlichen Kontext zu sehen ist, weswegen Wegschauen und still bleiben verheerende Folgen haben können. Auch Gefahren für Whistleblower sowie die bisherige Gesetzeslage werden thematisiert, um die Risiken aufzuzeigen und den notwendigen Kulturwandel zu verdeutlichen.

Wie läuft so ein Seminar ab und wie reagieren die Jugendlichen darauf?
Bisher ist das Seminar auf 90-Minuten-Blöcke in Oberstufen ausgerichtet. Am Anfang taste ich ab, wieviel Wissen über die Arbeitswelt bereits vorhanden ist, da das in diesen Jahrgängen stark variiert. Über kleine Hilfestellungen sollen sich die Schülerinnen und Schüler den Begriff „Whistleblowing“ Schritt für Schritt selbst erarbeiten und anhand von zwei Fallbeispielen einen realen Bezug erhalten. Das Ganze ist durch kleine Zwischenspiele, ein Rollenspiel und eine selbst gestaltbare Diskussion aufgelockert. 
Wie die Jugendlichen reagieren, ist immer wieder unterschiedlich, aber ganz überwiegend positiv. Manche Klassen würden lieber mehr reale Fälle behandeln, andere lieber länger diskutieren. Häufig bekomme ich das Feedback, dass sich viele in diesem Moment das allererste Mal mit möglichen Konfliktsituationen in ihrem künftigen Arbeitsleben beschäftigen und sich im Nachhinein für solche Szenarien besser vorbereitet fühlen, was mich immer wieder freut. Sie gehen mit erstem Wissen über mögliche Meldestellen, über Vorteile von Gewerkschaften oder auch über Züge des eigenen Arbeitsrechts heraus, was sehr viel für die kurze Zeit ist. Doch ich habe bisher immer das Gefühl gehabt, auch langfristig einige Gedanken angestoßen zu haben. Einen Schüler konnte ich sogar dafür begeistern, bei einer Präsentation im Abitur „Whistleblowing“ als Thema zu wählen!

Wie geht es mit dem Schulprojekt weiter und wofür wird Unterstützung benötigt?Während des Studiums möchte ich die Seminare fortführen und das Schulprojekt mit Hilfe des neuen Teams bei Whistleblower-Netzwerk e.V. weiter ausbauen. Ziel ist es, das Seminar besser an verschiedene Altersstufen, andere Bildungseinrichtungen oder weitere Ansprechpartnerinnen und -partner anzupassen. Ich möchte irgendwann ein flexibles Konzept haben, dass z.B. sowohl an Berufsschulen besser auf die jeweiligen Branchen eingehen kann und zugleich je nach Alter und Ort den richtigen Ton trifft. Hier ist jede Erfahrung mit Schulen, Vereinen, Workshops, etc. gern gesehen, die das Seminar noch besser ausgestalten kann. Wichtig sind jetzt neue Kontakte und finanzielle Unterstützung, um nicht an den Grenzen Berlin-Brandenburgs aufhören zu müssen. Wir versuchen zurzeit, sowohl einzelne Lehrerinnen und Lehrer anzusprechen, als auch über größere Verteiler Bekanntheit zu erreichen. Doch hier helfen persönliche Kontakte meistens am besten weiter, um an die viel umworbenen Schulen heranzukommen. Künftig werden wir wahrscheinlich längere Fahrten sowie neues und mehr Materialien finanzieren müssen, vielleicht auch irgendwann eine eigene Stelle, die die Seminare durchführt. Neue Formate wie Podcasts und Videos sind ebenfalls angedacht.
Das ist jetzt alles noch Zukunftsmusik. Doch wenn ich mir die Entwicklung des letzten Jahres und die neue Unterstützung bei Whistleblower-Netzwerk ansehe, bin ich zuversichtlich, dass sich das Schulprojekt in nächster Zeit richtig gut entwickeln wird. Wir erhalten erfreulich viel positives Feedback und stoßen mit unserer Herangehensweise und unserem Thema bereits auf viele interessierte Ohren!