Whistleblower*innen sind Marker demokratischer Leerstellen

Whistleblower*innen melden einen Missstand. Sie bezeugen beispielweise sexuelle Belästigung, Steuerhinterziehung oder Verstöße gegen Hygienevorschriften, Umwelt- oder Sicherheitsstandards. Zumeist melden sie diesen Missstand an ihre Vorgesetzten. Sie handeln so, weil sie Schaden abwenden wollen – von der Gesellschaft, von ihren Mitarbeiter*innen oder von dem Unternehmen, in dem sie arbeiten. In der Folge erleben sie, dass sie versetzt und von ihren Mitarbeiter*innen gemieden werden. Sie erhalten ein schlechtes Arbeitszeugnis, verlieren ihren Job und haben Schwierigkeiten in der Branche wieder Fuß zu fassen. Dieser Zusammenhang erscheint paradox, aber wie ist das möglich?

Auf der einen Seite dieses Paradoxons steht die demokratische Gesellschaft. Sie kam nicht von heute auf morgen nach Deutschland und in die Welt. Vielmehr ist sie ein stetiger Prozess, der viele Bereiche unserer Gesellschaft bereits umfassend verändert hat, andere wiederum erst wenig. Beständig bleibt, dass der Staat und seine Bürger*innen sich auf gemeinsame Werte wie Gleichheit, Solidarität, Partizipation, Transparenz und Rechtsstaatlichkeit geeinigt haben. Auf Grundlage dieser Werte richten wir und auch Whistleblower*innen unser Verhalten aus und bestreiten unseren Alltag.

Auf der anderen Seite steht die Arbeitswelt. Dort beobachten Angestellte Missstände, die den oben genannten Werten widersprechen. Sie melden dies bspw. den Vorgesetzten und stellen damit eine ganz konkrete Frage: „Gelten unsere demokratischen Werte auch hier am Arbeitsplatz?“ In Anbetracht der Tatsache, dass wir gut 50 % unserer Wachphase am Tag mit Arbeit verbringen, keine irrelevante Frage. Die Antwort möchte man spontan mit „Ja!“ beantworten, doch Erfahrungen von Whistleblower*innen zeichnen ein anderes Bild. Vorgesetzte reagieren häufig mit Einschüchterung, Isolation und Kündigung. Noah[1] stellt fest, dass sein Arbeitgeber unnachsichtig mit öffentlichen Geldern umging. Um das Unternehmen vor Strafen und empfindlichen Rückzahlungen zu wahren, meldete er dies seinem Vorgesetzten. „Überlegen Sie sich mal, ob Sie zu uns passen. Ob Sie die Werte hochhalten“, ist einer der Sätze, die Noah daraufhin zu hören bekommt. Welche Werte dies sein sollen, erfährt er nie. Klar ist, am eigenen Arbeitsplatz gelten andere Werte als in den restlichen Stunden seines Tages. Für jene, die das Unternehmen in der Compliance oder in seiner Außendarstellung darstellt, steht er jedenfalls mit der Missstandsmeldung ein. Noah wird anschließend wie viele andere Whistleblower*innen wegen „Störung des Betriebsfriedens“ gekündigt. Welchen Frieden gefährden Whistleblower*innen genau? Die Maßnahmen, die gegen Whistleblower*innen eingesetzt werden, zeigen auf, dass es sich um einen Frieden handelt, der von Arbeitgeber*innen und ihrer ökonomischen Macht diktiert wird. Nachweislich ist: Je näher der gemeldete Missstand an der Gewinnbildung des jeweiligen Unternehmens liegt, desto stärker fallen Maßnahmen gegen Whistleblower*innen aus.

Whistleblower*innen, so scheint es, tragen die Werte unserer Gesellschaft in das Innere eines Unternehmens oder einer Behörde. Dort machen sie eine demokratische Leerstelle in unserer Gesellschaft sichtbar: das Arbeitsverhältnis. Sie machen sichtbar, dass in der Arbeitswelt andere Werte gelten. Hier gilt insbesondere absolute Loyalität und Treue – so wie es 1934 im Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit niedergeschrieben wurde (das Gesetz hat heute freilich keine Gültigkeit mehr). Loyalität und Treue dienen in dem Fall insbesondere dem Erhalt eines Status-Quo: Die Position und Macht der Vorgesetzten sollen geschützt werden. Whistleblower*innen stellen diesen Status-Quo in Frage. Sie tun dies nicht, weil sie naiv sind. Sie treten einzig für jene Werte ein, auf die wir uns für unser Zusammenleben geeinigt haben. Manche Autor*innen sprechen davon, dass Whistleblower*innen zum Erhalt des Status-Quo signalwirksam geopfert werden. Am Ende stehen sie vor dem finanziellen, sozialen, gesundheitlichen und beruflichen Ruin.

[1] Der Name wurde durch den Autoren geändert.

 

Der Text wurde von Thomas Jarrar verfasst und basiert auf den Ergebnissen seiner Masterarbeit.

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