Erwiderung zum Artikel „Ein Kranker wird Held“ in der ZEIT Nr. 51 vom 13.12.2012

Während der letzten Wochen des vergangenen Jahres hat sich der Verfasser gründlich mit dem „Fall Gustl Mollath“ beschäftigt, insbesondere mit den Mollath angelasteten Sachbeschädigungen. Der umfängliche Vermerk zu meinen diesbezüglichen Feststellungen trägt das Datum vom 31.12.2012.
Infolgedessen ist es jetzt an der Zeit, der ZEIT und deren o.g. Artikel vom 13.12.2012 öffentlich einige Tatsachen entgegenzuhalten, die mit deren Berichterstattung nicht in Einklang zu bringen sind:
Die ZEIT schreibt: „Schon Mollaths Zwangseinweisung war laut Polizeibericht auffällig verlaufen. Als die Beamten klingelten, waren die Rollos heruntergelassen, niemand öffnete. Die Polizei drang ein und fand hinter der versperrten Dachbodentür den Gesuchten Mollath, der sich in einem Zwischenboden hinter einer Kiste versteckt hatte.“
Mir liegt die Kopie des maschinenschriftlichen Vermerkes eines Polizeibeamten vom 13.2.2005 vor, in dem die Umstände einer Verhaftung genau so beschrieben sind, wie es die ZEIT in ihrem Artikel erwähnt. Allerdings geht es in diesem Vermerk um die angeblichen Umstände der Festnahme Mollaths am 13.2.2005 – und nicht um die von der ZEIT beschriebene Festnahme am 27.2.2006. Zwischen dem erwähnten Vermerk und der Darstellung im Urteil gibt es nämlich einen eklatanten Widerspruch. Die wirklichen Umstände der Festnahme am 27.2.2006, also der im ZEIT-Artikel erwähnten, sind ungeklärt.
Zu den angeblichen Sachbeschädigungen Mollaths schreibt die ZEIT u.a. folgendes: „Die meisten der Betroffenen waren jedoch in den hässlichen Scheidungskrieg der Mollaths verwickelt: vor allem Rechtsanwälte und ein Gerichtsvollzieher, der bei ihm im Namen der Gattin zwangsvollstreckte. Auch die Reifen eines Psychiaters, der Mollath begutachten sollte, wurden zerstochen.
Richtig ist dagegen: Die angebliche >Serientat< umfasste laut Urteil 20 Fälle, von denen nur ein Teil angeklagt wurde (s. Urteil vom 8.8.2006 Seite 15 Ziffer 4). Bei diesen 20 Fällen gab es 14 Geschädigte. Eine >Verwicklung in den Scheidungskrieg< der Mollaths lässt sich lediglich bei 4 Geschädigten herstellen.
Ferner schreibt die ZEIT: „Mit Ausnahme dieses Psychiaters zählte Mollath sämtliche Geschädigten in einem anklagenden Brief an einen der Rechtsanwälte auf.“
Richtig ist folgendes: In dem genannten Fax-Schreiben Mollaths vom 4.8.2004 an einen der Geschädigten werden mehr oder weniger beiläufig die Namen von 19 Personen genannt. Davon wurden einige Monate später 5 die Reifen zerstochen. D.h. 9 >Serientats-Geschädigte< werden in dem Schreiben nicht erwähnt.
Außerdem schreibt die ZEIT: „Das Schreiben liest sich wie ein Kommentar zu den Taten.“
Dem Verfasser liegt das vollständige Schreiben vor. Es enthält keinerlei Drohungen – gegen nichts und niemand. Mollath verwahrt sich in diesem Schreiben lediglich gegen die fragwürdigen Methoden eines Rechtsanwaltes und erteilt ihm zum wiederholten Male Hausverbot (s.a. gustl-for-help/chronologie Ziffer 43 und Fax-Schreiben vom 4.8.2004).
Wie man dieses Schreiben als einen „Kommentar zu den Taten“ würdigen kann, bleibt wohl auf ewig ein Geheimnis der ZEIT.
Die ZEIT schreibt weiter: „Außerdem hatte die Polizei festgestellt, dass alle Stiche in die Reifen mit einem sehr dünnen Werkzeug vorgenommen worden waren, sodass die Luft manchmal erst auf der Fahrt entwich, was die Anschläge besonders gefährlich machte. Auch diese Spur führte zu Mollath, dem Auto-Fachmann.“
Richtig ist, dass lediglich zwei Geschädigte behaupteten, ihre Reifen seien in dieser diffizilen Weise beschädigt worden. Dazu wurden jedoch keine polizeilichen Feststellungen getroffen, es existiert auch keine fotografische Dokumentation dieser angeblichen Reifenschäden.
Eine konkrete Gefährdung behauptete übrigens nur ein einziger Geschädigter.
Für alle anderen Beschädigungen bedurfte es keines „Auto-Fachmanns“. In den Unterlagen ist hier von 1,5 bis 20 cm langen bzw. breiten Einstichen („evtl. mit Messer“) die Rede. Dafür braucht man wahrlich keinen Experten.
Darüber hinaus habe ich festgestellt, dass die Ermittlungen mit einem alles überragenden Belastungseifer geführt wurden. Im Ermittlungsvorgang finden sich – vorsichtig ausgedrückt – eine Vielzahl nicht plausibler und widersprüchlicher Einträge.
Entlastende Indizien wurden kategorisch ignoriert und negiert. Bei Mollath fand am 4.2.2005 sogar – ohne richterliche Genehmigung und ohne Gefahr in Verzug – eine schriftlich dokumentierte Hausdurchsuchung statt, ohne dass man irgendwelcher Beweise habhaft wurde. Bei dieser Hausdurchsuchung wurde in Mollaths Haus eingebrochen.
Unbedingt bemerkenswert ist ferner: Die Staatsanwaltschaft hatte das Strafverfahren wegen Sachbeschädigung bereits eingestellt (11.8.2005) und die Akten ohne Anklage der Sachbeschädigungen an das Amtsgericht weitergegeben. Dagegen beschwerte sich ein Geschädigter. Daraufhin wurde die Akte vom zuständigen Richter an die Staatsanwalt zurückgegeben, und zwar mit der Bitte um weitere Veranlassung hinsichtlich der eingelegten Beschwerde.
Flugs bastelte der Staatsanwalt sodann aus den 20 Sachbeschädigungen eine auf Mollath zugeschnittene Anklage, indem er nur die 9 Fälle anklagte, bei denen die Geschädigten angeblich >in irgendeiner Weise< mit Mollath in Verbindung gebracht worden waren. Der Vorschlag, den so genannten Tatnachweis mittels des der Polizei von einem der Geschädigten übermittelten Fax-Schreibens vom 4.8.2004 (s.o.) zu führen, stammte sogar von dem Beschwerdeführer (s.o.).
Richter Brixner war geneigt, sich von dieser perfiden >Tatnachweisführung< überzeugen zu lassen. So kam es, dass Mollath – bar jeglichen Beweises – angeblich> überführt< wurde, die angeklagten Sachbeschädigungen begangen zu haben (s. Urteil vom 8.8.2006 Seite 18f. Ziffer 3).
Was die >psychiatrischen Aspekte der ZEIT-Berichterstattung< angeht, weise ich auf folgendes hin: Die zum Zeitpunkt der Begutachtung durch Dr. Leipziger noch gar nicht angeklagten, geschweige denn gerichtlich beurteilten Sachbeschädigungen mussten im Gutachten Dr. Leipzigers als Argument für die >Allgemeingefährlichkeitserklärung< Mollaths herhalten (s. Seite 29). Denn zum Begutachtungszeitpunkt (25.7.2005) waren seit der angeblichen schweren Körperverletzung am 12.8.2001 schon fast vier Jahre vergangen. Die angebliche Freiheitsberaubung mit erneuter Körperverletzung am 31.5.2002 lag auch schon drei Jahre zurück. In dieser Zeit hatte sich Mollath ausschließlich für Menschen als >gefährlich< erwiesen, die in die >Nebengeldgeschäfte< seiner Ex-Gattin involviert waren. Aber diese Art seiner Gefährlichkeit konnte man schwerlich als Argument für seine Allgemeingefährlichkeit verwerten. Deshalb waren die angeblichen Sachbeschädigungen so >wichtig und wertvoll<.
Die angeblichen Sachbeschädigungen Mollaths stellen übrigens eine wesentliche „Tatsachengrundlage“ für das Gutachten Dr. Leipzigers dar. Wenn – was hoffentlich bald der Fall sein wird – endlich festgestellt wird, dass Mollath überhaupt keine Sachbeschädigungen begangen hat, ist das Gutachten Dr. Leipzigers insoweit obsolet – und Gustl Mollath endlich frei und voll rehabilitiert. Dass er seine Frau in einem >Wahnanfall< plötzlich und völlig unerwartet angegriffen und dabei mit Fäusten und Füßen traktiert und bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt hat, meinen ohnehin fast nur noch drei Damen von der ZEIT und eine vom SPIEGEL.
Zu den Nebengeldgeschäften der Ex-Frau von Mollath schreibt die ZEIT: „Ein durchaus legales Geschäft, solange die Kunden ihre Schweizer Anlagen auch weiter in Deutschland versteuerten. Dass das nicht geschehen ist, dafür gibt es keine Anhaltspunkte.“
Hierzu lese man beispielsweise die Seite 7 des HVB-Sonder-Revisionsberichtes [„…Herr D. erklärte hierzu, dass es sich dabei um einen ‚Gefallen‘ für eine Kundin (allgemein bekannte Persönlichkeit) gehandelt habe, die beim Umtausch nicht persönlich in Erscheinung treten wollte, zumal es sich um Schwarzgeld handelte…“]
Der Verfasser sieht in freudiger Erwartung einem „ZEIT-Dossier“ entgegen, in dem der ZEIT-Leserschaft fundiert dargelegt wird, was man unter >legalem versteuertem Schwarzgeld< zu verstehen hat.

Schließlich schreibt die ZEIT: „Noch während der Revision im Februar 2003 kündigt sie Petra Mollath: außerordentlich und fristlos. Die erste Runde im Rosenkrieg hat Gustl Mollath gewonnen. Es wird auch die letzte sein. Drei Monate später stellt Petra Mollath Strafanzeige gegen ihren Mann, was schließlich zu dessen Verurteilung führt.“
Auch die Angabe zum Zeitpunkt der Anzeige ist falsch: Die Anzeige wegen angeblicher Körperverletzung und angeblicher Freiheitsberaubung und angeblichem Besitz unerlaubter Schusswaffen erfolgte nachweislich am 15.1.2003 in Nürnberg. Das ist bezeichnenderweise derselbe Tag, an dem die HVB-Innenrevision ihre Sonderprüfung startete.
Die ZEIT verwechselt hier das Datum der Vernehmung Frau Mollaths durch einen Ermittlungsrichter in Berlin (15.5.2003) mit dem Datum der Anzeige bei der Nürnberger Polizei. (Zu Ihrer Kenntnis: In der Berliner Vernehmung formte sich die ausweislich eines ärztlichen Attestes „flache Hand“ zu Fäusten, die angeblich wild auf das vermeintliche Opfer einschlugen.)
Übrigens – die juristisch kaum angreifbare >Insinuierung< unerlaubten Waffenbesitzes brachte Mollath am 19.2.2003 den – aus seiner Sicht – urplötzlichen Besuch von 12 (in Worten: zwölf) Polizisten ein, die ihm das Haus nach allen Regeln der Kunst auf den Kopf stellten. Gefunden wurde ein altes Luftgewehr, das Mollath von seinen Eltern geerbt hatte. Er durfte es behalten.
Danach wusste Gustl Mollath gar nicht, wie ihm geschehen war. Lange Zeit brachte er diese arg verstörende Heimsuchung der exekutiven Staatsgewalt gar nicht mit seiner Frau in Verbindung. In einem Schreiben vom 22.2.2003 erkundigt er sich beim Gericht, ob Mitarbeiter der HVB oder Credit Suisse etwas mit der Hausdurchsuchung zu tun hätten. – Nun, so ganz falsch war diese Vermutung ja nicht. Als Frau Mollath ihrem Noch-Gatten bei der Polizei den Besitz unerlaubter Waffen andichtete und die Befürchtung äußerte, dass er sein mutmaßliches Waffenarsenal gegen sie und ihre Familie richten könnte, war sie ja noch einige wenige Wochen Mitarbeiterin der HVB (usw.).
Zur ZEIT: Man kann ihr nur empfehlen, aus ihrem Artikel „Ein Kranker wird Held“ sehr viel zu lernen – und im Fall Mollath zu einem >gesunden Journalismus< zu finden.
Erwin Bixler
Nachtrag vom 18.1.2012:
In ihrem Artikel „Fall Gustl Mollath: Warum der Justizskandal doch keiner ist“ (Spiegel Online vom 13.12.12) schreibt Beate Lakotta u.a.: „Am Silvestertag 2004 nimmt er das Recht selbst in die Hand, so stellt es später das Landgericht Nürnberg fest: Er beginnt, Reifen zu zerstechen. Opfer werden Personen, die er verdächtigt, mit seiner Frau im Bunde zu sein: der Gerichtsvollzieher, Psychiater, Scheidungsanwälte seiner Frau, ein Transportunternehmer. Am Ende kommt eine Serie von 129 Reifen zusammen. Die Polizei braucht nach dem Täter nicht lange suchen: In einem Brief an eines seiner Opfer nennt Mollath die Namen aller anderen Geschädigten und beschreibt ihre Verbindung zu den Schwarzgeldgeschäften.
Mollath kennt sich aus mit Reifen. Er zersticht sie auf eine Weise, dass die Luft nicht sofort entweicht, sondern erst beim Fahren. Einigen Fahrern passiert dies auf der Autobahn, bei hohem Tempo, reine Glückssache, dass niemand zu Schaden kam.“
Die den Ausführungen Lakottas widersprechenden Tatsachen können der Erwiderung an DIE ZEIT entnommen werden.
 
 

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