Eine evangelische Tagesandacht zum Thema Whistleblowing

Im Nachgang zur erfolgreich verlaufenen Tagung „Whistleblowing oder: Der Aufstand der Anständigen“ an der Evangelischen Akademie im Rheinland, dokumentieren wir an dieser Stelle die Tagesandacht die ev. Landespfarrers und Studienleiter Peter Mörbel am 24.09.2011 anlässlich dieser Tagung gehalten hat. Eine vollständige Dokumentation der Tagung ist in Vorbereitung:

Lied: EG 262, 1-4 Sonne der Gerechtigkeit, gehe auf zu unsrer Zeit (ök Textfassung)
Psalm 43 (EG 723)
Lied: 262, 5-6
Liebe Tagungsgemeinde,
Professor Gerd Meyer hat uns gestern gesagt: „Sozialen Mut kann man nicht nur durch spontanes Eingreifen oder Sich-Wehren, sondern genauso durch überlegtes, geplantes, organisiertes Handeln zeigen – am Arbeitsplatz, in Institutionen und im politischen Bereich.“
Ein Beispiel für überlegtes, geplantes und organisiertes Handeln in einer Institution findet sich in einer berühmten Jesusrede im Matthäusevangelium. Es ist mal nicht die Bergpredigt, sondern die sogenannte „Gemeinderegel“ aus dem 18. Kapitel. Hier ein kleiner Ausschnitt:

„Wenn dein Bruder – und das gilt entsprechend für die Schwester – ein Unrecht begangen hat, dann geh hin und stell ihn unter vier Augen zur Rede. Wenn er mit sich reden lässt, hast du ihn zurück gewonnen.
Wenn er aber nicht auf dich hört, dann geh wieder hin, diesmal mit ein oder zwei anderen; denn jede Sache soll ja aufgrund der Aussagen von zwei oder drei Zeugen entschieden werden.
Wenn er immer noch nicht hören will, dann bring die Angelegenheit vor die Gemeinde. Wenn er nicht einmal auf die Gemeinde hört, dann behandle ihn wie einen Ungläubigen oder Betrüger.“
Matthäus 18, 15-17


Streit kommt vor, nicht einmal oder zweimal, sondern so oft, dass es eine klare Konfliktregelung braucht. Das war die Erkenntnis in einer Gruppe von Menschen, die sich als Freunde und Nachfolger Jesu zusammengetan und sich vorgenommen hatten, einen anderen Lebensstil einzuüben. Einer sollte des Anderen Diener sein, die Bedürfnisse der Anderen sollten über den Eigenen stehen (Liebe deinen Nächsten …), aber auch die eigenen Interessen sollten nicht zu kurz kommen ( … wie dich selbst). Alle sollten möglichst miteinander harmonieren.
So ganz einfach scheint das nicht gewesen zu sein. Denn die verantwortlichen Leitungspersonen im Freundeskreis Jesu haben bald nach seinem Tod gemerkt gemerkt: Wir haben trotz aller guten Vorsätze nach wie vor sehr unterschiedliche Interessen und Bedürfnisse. Dass es immer wieder zu allzumenschlichen Zerwürfnissen kam, zeigte ihnen: So ganz neu und so ganz anders wird es nicht, nur weil sich ein paar Idealisten zusammentun und alles besser machen wollen. Die junge Gemeinde der Jesus-Freunde hat daraufhin in seinem Sinne Spielregeln entwickelt und ausprobiert und am Ende so aufgeschrieben, als wär’s eine direkte Anweisung von ihm
So haben sie das, worauf es Jesus immer ankam, in den Lösungsvorschlag für den Umgang mit Konflikten zwischen Christinnen und Christen eingebettet: Der Mensch soll im Streit um eine Sache nicht beschädigt werden. Der Bruder, die Schwester sollen nicht verloren gehen. Sie sind wichtige Bezugspersonen und sie sind – Knatsch hin, Streit her – trotz allem genauso von Gott geliebte und gewollte Menschen wie ich und du. Brüder und Schwestern haben sich nicht gegenseitig ausgewählt, sondern sind durch Vater und Mutter miteinander verbunden. Wir sind als Menschen durch eine dritte Größe miteinander verbunden. Und diese Dritte Größe ist Gott, der so ganz andere Vater von gleichwertigen und gleich wichtigen Menschenbrüdern und -schwestern. Seine gute Absicht mit uns allen soll auch dann nicht aus dem Blick geraten, wenn wir uns „zoffen“, wie es auch unter biologischen Geschwistern nun mal passieren kann.
Jesus kam es darauf an, die durch Gott begründete Geschwisterlichkeit als Grundlage für das Miteinander auszubauen. Er war Realist genug um nüchtern zu sehen, dass Menschen nicht nur vernünftige Wesen sind. Ob geringfügige Anlässe oder schwerwiegende Probleme – immer wieder gibt es Auslöser für Streit. Und wenn der erst einmal so richtig in Fahrt gekommen ist, geht es – ruck zuck – nicht mehr nur um die Sache. Schnell sind Anstand und Respekt über Bord und Personen sprechen sich den respekt voreinander ab und beschädigen sich, schlimmstenfalls an Leib und Seele. Wir wissen alle, wie schnell solche Beschädigung Kreise ziehen, wie schnell Streit aus dem Ruder laufen kann, so dass die Streithähne und –hennen
im Schlagabtausch der Anschuldigungen die Kontrolle verlieren.
Da macht es Sinn, in einem frühen Stadium des Konflikts zunächst einmal einen ernsthaften Versuch zur Klärung unter vier Augen zu probieren. Vieles lässt sich auf diese Weise gütlich regeln, denn unter vier Augen gerät keiner so schnell in die Versuchung, sich – wie vor Publikum – in Szene zu setzen. Verletztes Vertrauen hat in dieser intimen Form der Auseinandersetzung die größte Chance, wiederhergestellt zu werden. Die Schwester kann so als Schwester, der Bruder als Bruder zurückgewonnen werden.
Gelingt das nicht, etwa weil der Vorrat an Vertrauen restlos aufgezehrt ist, wird eine zweite Möglichkeit empfohlen. Ein oder zwei Mitberatende oder Zeugen sollen dazu gebeten werden. Es kann ja tatsächlich helfen, vor allem, wenn die beiden Streitpartner nicht gleich stark sind. Dann können besonnene Menschen als Schlichter geradezu Wunder wirken. Auch hier ist das Ziel, Wunden zu heilen und Geschwisterlichkeit zurückzugewinnen.
Wenn auch das nicht gelingt, dann ist eine dritte Stufe der Konfliktlösung möglich: Man bringt seine Beschwerden vor die Gemeindeversammlung und versucht vor dieser quasi noch immer „inneren“ Öffentlichkeit eine Lösung zu finden. In einer Gemeinschaftskultur, wie wir sie bei uns leider weitgehend eingebüßt haben, kann eine faire Diskussion vor der inneren Öffentlichkeit für Klarheit sorgen, wer im Recht und wer im Unrecht ist. Die Erinnerung und die Erfahrung der Alten daran, wie es schon von jeher heilsam war, spielt dabei eine besondere Rolle. Gesellschaften, die Ihre Alten noch wertschätzten und sie nicht mit 65 zwangspensionierten, verfügen ein unglaubliches Potenzial an Lebensweisheit, das eigentlich nicht vergeudet werden darf. Und: Öffentliche Friedensstiftung braucht Rituale, die alle kennen und die ein klares Ziel verfolgen: Der Streit im Kleinen soll nicht zum Flächenbrand werden und die Gemeinschaft nachhaltig beschädigen.
Doch auch das kann schief laufen. Die Entfremdung auch unter Christen kann so weit gehen, dass sie sich wie Fremde vor einem staatlichen Gericht wiederfinden und quasi von „außen“ vorgegeben bekommen müssen, wer das Recht auf seiner Seite hat und wer nicht. Die vierte Eskalationsstufe in der Konfliktbearbeitung wurde von der Urgemeinde als ein äußerstes Mittel verstanden, bei uns ist es – leider auch in der Kirche – inzwischen die Regel. Schade eigentlich.
Immerhin, wir haben in unserer Tradition eine gestufte Konfliktbearbeitung, die allen Beteiligten die Möglichkeit bietet, das Gesicht zu wahren, Person und Sache voneinander zu unterscheiden und sachgerechte Lösungen zu finden.
Wie gut, wenn wir uns ab und zu einmal daran erinnern. Ach die hatten damals auch schon ihre liebe Not und sie haben trotzdem sozialen Mut aufgebracht und gute Lösungen gefunden. So manche Hitzigkeit kann abkühlen und wir können wieder durchatmen.
Lied: EG 432: Gott gab uns Atem, damit wir leben.
Gebet: EG 955

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