Rätselhafter Giftanschlag: Mit Alexander Litvinenko starb ein Whistleblower

Wer auch immer für die Ermordung von Alexander Litvinenko verantwortlich ist, mit dem früheren Mitarbeiter des russischen Geheimdienstes FSB starb ein Whistlebower, dessen an das eigene „Unternehmen“ gerichtete Vorwürfe ihn von Anfang in höchste Gefahr gebracht hatten.

Diesen Hintergrund leuchtet Jürgen Krönig in der ZEIT aus:
>Alexander Litvinenko war in den späten 90er Jahren verantwortlich für eine interne Untersuchung in korrupte Praktiken innerhalb des FSB, der Nachfolgeorganisation des KGB, dessen Chef zu dieser Zeit Vladimir Putin hieß. Er fiel bei seinen Vorgesetzten in Ungnade, nachdem er kritisierte, dass nichts gegen die weitverbreitete Korruption unternommen wurde. Als er 1998 Details eines Mordkomplotts gegen den russischen Tycoon Boris Berezovsky enthüllte, wurde er wegen angeblichen Amtsmissbrauchs verhaftet und verbrachte neun Monate in Haft.
Im Jahre 2000 floh er über die Türkei nach England und suchte erfolgreich um Asyl nach. Er schrieb diverse Bücher, in denen er den FSB bezichtigte, die Bomben in Moskauer Appartmentblocks gelegt zu haben, denen an die 300 Menschen zum Opfer gefallen waren. Der FSB hatte tschetschenische Rebellen der Tat bezichtigt. Unter breiter Zustimmung der russischen Bevölkerung waren daraufhin massive militärische Operationen gegen Tschetschenien gestartet worden. […]
Litvinenko war ein permanenter Stachel im Fleisch des Putin-Regimes. Mehrfach suchte Moskau um eine Auslieferung nach, stets weigerten sich britische Gerichte, dem Ersuchen zu entsprechen. Für das russische Regime gab es Gründe genug, ihn zu beseitigen. Der Gefahr eines Anschlags auf sein Leben war er sich durchaus bewusst. Erst im Mai 2005 war der Versuch gemacht worden, sein Haus mittels Brandbomben in die Luft zu sprengen.<

Zur Methode, mit der Litvinenko „beseitigt“ wurde, schreibt Krönig:
>Der russische Geheimdienst ist mit solch einer Methode, Widersacher ins Jenseits zu befördern, wohlvertraut.
Er hat lange an der Entwicklung diverser, schwer nachweisbarer giftiger Substanzen gearbeitet und es bei ihrer Anwendung zu hoher Fertigkeit gebracht.
Was nicht automatisch heißen muss, dass der FSB für den Giftmord an Litvinenko tatsächlich veranwortlich war.
Es ist immerhin möglich, dass Elemente innerhalb des Geheimdienstes auf eigene Faust handelten, um den unbequemen Exkollegen zum Schweigen zu bringen, oder dass die russische Mafia, in deren Arme sich viele KGB- und FSB-Agenten geflüchtet haben, tätig wurde, vielleicht um eine alte Rechnung zu begleichen, vielleicht um Putin einen Gefallen zu tun. Die Duma, das russische Parlament, hat allerdings kürzlich erst dem Geheimdienst ausdrücklich die gesetzliche Vollmacht gegeben, abtrünnige Agenten auch außerhalb der eigenen Landesgrenzen aufzuspüren und zur Strecke zu bringen. Für seine Gegner war Alexander Litvinenko ein Verräter und Wichtigtuer, der verleumderische Behauptungen über Putin und Russland verbreitet.< Quelle: Zeit.de, Giftige Grüße aus Moskau, 24. 11. 2006 [Hervorhebungen von mir]

Litvinenko beschuldigte noch kurz vor seinem Tod den russischen Präsidenten Putin, letztlich für den Anschlag auf sein Leben verantwortlich zu sein: „Sie haben sich als genauso barbarisch und unbarmherzig erwiesen, wie die ärgsten Kritiker es behauptet haben.“

Es fällt schwer dies zu glauben, da Putin in diesem Fall ein enormes Risiko für sich selbst und seine Regierung eingegangen wäre.

Fakt ist allerdings, dass die Mörder von Anna Stepanowna Politkowskaja bis heute nicht ermittelt sind. Die bekannte
Journalistin und Kritikerin des Regimes war an Putins 54. Geburtstag (7. Oktober 2006) von Unbekannten ermordet worden.
Obwohl die Mordwaffe bekannt ist und obwohl der mutmaßliche Täter unmaskiert von einer Überwachungskamera gefilmt wurde, scheinen die russischen Ermittlungsbehörden bislang nicht richtig „weiter gekommen“ zu sein.
Die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ fodert aus diesem Grund eine internationale Untersuchungskommission.
Wikipedia weist darauf hin, dass während der Präsidentschaft Putins bislang insgesamt 13 Journalisten ermordet wurden: „In keinem der Fälle kam es zu einer Verurteilung der Täter.“

Welche Bedeutung der Mord an Litvinenko besitzt, stellt die britische Zeitung „The Times“ heraus:
>Putin ist durch diesen Mord in schwere Verlegenheit gebracht worden. Für sein Streben, Russland wieder zu einem weltweit respektierten Staat zu machen, sind Anschuldigungen, er führe ein Gangsterregime, nicht hilfreich. Er muss deshalb den britischen Ermittlern vollständige Kooperation und uneingeschränkten Zugang zu allen anbieten, die sie befragen wollen. Eine Weigerung oder Ausflüchte müssten als Beweis einer Komplizenschaft verstanden werden. Russland sollte auch nicht den Eindruck vermitteln, dass es dies für eine Episode hält, die in ein paar Wochen vergessen ist. Jede Politik des Aussitzens sollte auf eine stärkere Reaktion Großbritanniens stoßen. Litwinenko war ein Bürger dieses Landes. Seine Ermordung ist ein Angriff auf unsere Gesetze, unsere Demokratie und unsere Lebensweise.< [Übersetzt und zitiert nach spiegel.de, Hervorhebungen von mir]

Im gleichen Artikel wird das mögliche Szenario für einen „sophisticated plot“ (unter Verwendung von Polonium 210) geschildert: >The FSB, though politically accountable, has been given an almost free hand by the President, who grew up in that same culture. It had no need to seek permission from the top. It knew that Mr Putin needed to maintain plausible deniability of all its actions.<

In einem weiteren Artikel von „The Times“ (Poisoned spy was the victim of state terror) heißt es über die Beschaffbarkeit des bei Litvinenko verwendeten Gifts Polonium:

>Cobra, the Cabinet“s emergency security committee, met yesterday after toxicologists confirmed that the 43-year-old former KGB colonel had a large dose of alpha radiation in his body. The committee chaired by John Reid, the Home Secretary, considered the risk to the public after the discovery of radioactive material in a Central London sushi bar and at the Millennium Hotel, near the US embassy in Grosvenor Square, where Mr Litvinenko held meetings on November 1. Radioactive traces were also found at his family home in Muswell Hill, North London.
The quantity of polonium-210 used could only have been obtained from a nuclear instillation, scientific experts said.

A senior Whitehall official said: „Cobra met because thousands of people have passed through the sushi bar in the past three weeks and there is a potential risk for the public and we have to examine all the implications.“<

In einem anderen Artikel (This wasn“t cooked up by amateurs in a bathtub) werden die Besonderheiten des von Marie Curie entdeckten (und nach ihrem Heimatland benannten) radioaktiven Polonium beschrieben:
>Polonium-210, the isotope identified in Mr Litvinenko’s body, is known to be highly toxic and radioactive, and it is not easy to come by. It occurs naturally only at trace levels, and larger amounts that would be needed to kill are manufactured in nuclear reactors or particle accelerators by bombarding bismuth-209, a similar but inert metal, with neutrons.
Unlike certain other radioactive isotopes, such as caesium-137 and cobalt-60, it is not used in medical radiology, and therefore cannot be stolen from hospital waste.[…]The difficulty of getting hold of polonium suggests that the killer was well resourced and possibly state-sponsored, scientists said.[…]
Polonium-210 has a half life of 138 days, and emits alpha particles — helium atoms that are produced by radioactive decay. While these are easily stopped by the skin they become hugely damaging if they get inside the human body by swallowing, inhalation or through a wound.< [Hervorhebungen von mir]

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