Official Secrets – eine Whistleblowerin gegen den Irak-Krieg

Der Film Official Secrets erzählt die wahre Geschichte von Katharine Gun (gespielt von Keira Knightley) und ist ab dem 21. November in den deutschen Kinos zu sehen (Trailer).

Der 31. Januar 2003 ist in Ostengland ein kalter Tag. Die Polizei befreit hunderte Autofahrer, die von einem heftigen Schneesturm überrascht wurden, während Katherine Gun in Cheltenham im warmen Büro des GCHQ sitzt und eine Mail öffnet, die ihr Leben verändern wird.

Katherine Gun arbeitet seit Ende ihres Studiums als Übersetzerin für Mandarin-Chinesisch beim Nachrichtendienst GCHQ (Government Communications Headquarters), der britischen Variante der NSA (National Security Agency). Bereits 1919 gegründet, hat der GCHQ mit der Zeit ein weltumspannendes System zur technischen Nachrichtengewinnung aufgebaut, das dem der amerikanischen Schwester nicht nachsteht. In manchen Bereichen sogar überlegen ist. Die Tatsache, dass die NSA in der Mail, die Katherine Gun am 31. Januar 2003 mit zunehmender Fassungslosigkeit durchliest, den GCHQ um Amtshilfe bittet, überrascht sie daher nicht. Aber wobei ihre Behörde helfen soll, stürzt sie in einen moralischen Zwiespalt.

Zu dieser Zeit suchen die USA unter der Bush-Regierung nach Wegen, einen Angriffskrieg gegen den Irak durch einen Beschluss des UN-Sicherheitsrats zu legalisieren. Colin Powell argumentiert gegenüber dem Sicherheitsrat, der Irak besäße biologische und chemische Kampfstoffe. Doch anscheinend will sich die USA nicht auf die Überzeugungskraft der dünnen (und obendrein gefälschten) Beweislage des Außenministers verlassen und sucht nach Möglichkeiten, den UN-Sicherheitsrat auf anderen Wegen zu einem Votum für den Kriegseinsatz zu bewegen. Daher bittet die NSA ihre britischen KollegInnen in der Mail um Unterstützung beim Ausspionieren einiger Sicherheitsratsmitglieder, um gegebenenfalls mit belastendem Material deren Zustimmung zu einer UN-Resolution für einen „Präventivschlag“ gegen den Irak zu erpressen. Den ganzen Beitrag lesen

„Don’t Kill The Messenger“ – Whistleblower zwischen Recht und Gerechtigkeit

Den Whistleblowern geht es wie dem sprichwörtlichen Messenger. Sie überbringen eine schlechte Nachricht, wenn sie auf Straftaten, Missstände oder Gefahren in ihrem Arbeitsumfeld hinweisen. Oft kommt das der Gesellschaft oder dem eigenen Unternehmen „intern“ zugute. Aber selten wird es ihnen gedankt. Eher werden sie ausgegrenzt und gemobbt, vor allem, wenn sie den Missstand einer Behörde anzeigen oder sich gar an die Medien wenden. Dann gelten sie als Wichtigtuer – als Denunziant, die den Chef verraten und Arbeitsplätze der Kolleg*innen gefährden. Weil sie angeblich die Treuepflicht gegenüber ihrem Arbeitgeber verletzen, werden sie nicht selten versetzt oder gekündigt. Ist das „gerecht?“

Mit unserer Ausstellung „Whistleblowing – Licht ins Dunkel bringen“ präsentieren wir im Kieler Rathaus Beispiele von mutigen Menschen, die ihr Schweigen gebrochen haben, um auf Missstände aufmerksam zu machen. Auf der Eröffnungsveranstaltung „Don’t Kill The Messenger“ wollen wir am 21. Oktober ab 18 Uhr über konkrete Beispiele, aber auch den rechtlichen Rahmen und die gesellschaftliche Bedeutung von Whistleblowing diskutieren.

  • Hartmut Bäumer, Vorsitzender von Transparency International Deutschland e. V.
  • Inken Brand, Head of Compliance Office, Drägerwerk AG & Co. KGaA
  • Thomas Kastning, Whistleblower Netzwerk
  • Oliver Schröm, Journalist und Publizist

Weitere Informationen unter: whistleblower-net.de/dont-kill-the-messenger/ Den ganzen Beitrag lesen

Dieter Deiseroth war der erste und lange Zeit der einzige deutsche Jurist, der die Bedeutung des Whistleblowing für das Gemeinwohl demokratischer Gesellschaften erkannt hat. Schon 1999 ergriff er die Initiative zur Verleihung eines Whistleblower-Preises, der in der Folge in zweijährigem Rhythmus zehn Mal verliehen wurde. Mit den sorgfältigen Dokumentationen der Preisverleihungen und der Schicksale der Preisträger*innen trug er maßgeblich zur in Deutschland aus historischen Gründen schwierigen Akzeptanz des Whistleblowing bei. Er hat vielen Whistleblowern Mut gemacht.

Seine Publikationen und Expertisen zu gesetzlichen Regelungen haben den Boden für ein überfälliges deutsches Whistleblower-Schutzgesetz bereitet. Rechtlicher Whistleblower-Schutz ist einer der politischen und juristischen Bereiche, in denen Dieter Deiseroth menschenrechtlich gebotene Änderungen gefordert und bewirkt hat. Dafür danke ich ihm auch im Namen von Whistleblower-Netzwerk e.V.

Annegret Falter, Vorsitzende

Die Rückkehr des Reformators – Ein „Tribut“ an Edward Snowden

Für die Ausstellung „Luther und die Avantgarde“ entwickelte der Künstler Achim Mohné die Idee von einem Edward Snowden Portrait, bestehend aus 672 Betonplatten auf einer Rasenfläche zwischen einem ehemaligen Gefängnis und Gericht in Wittenberg. Aufgrund des gemeinsamen Interesses Demokratie zu fördern und Whistleblower zu unterstützen stellte sich Achim Mohné den Fragen des Whistleblower-Netzwerkes (Interview geführt mit Ali Fahimi am 17.05.2017 im Büro des Whistleblower-Netzwerkes, Berlin).

WBNW Wie kam Dir die Idee Snowden zum Thema Reformation innerhalb der Ausstellung „Luther und die Avantgarde“ auszuwählen?

Mohné Das seinerzeit „schnelle“ Medium Buchdruck ermöglichte Luther die Reformation, Edward Snowdens weltweite Enthüllungen schlugen die in seiner „Gegenwart“ führende digitale Technologie mit ihren eigenen Waffen. Beide „Whistleblower“ hatten das Ziel, systemische Ungerechtigkeiten aufzudecken. Lucas Cranachs Luther-Porträt ist eine Ikone der Reformation, das weltweit zirkulierende Porträt Snowdens steht für den personifizierten Widerstand gegen digitale Überwachungsmethoden. Paradoxerweise ist das Portrait von Edward Snowden, das aus 672 Betonplatten besteht und 12 x 14 Meter gross ist, auf dem Boden gar nicht zu erkennen, sondern wird erst durch ein Überwachungsmedium sichtbar. Sobald es von Satelliten erfasst ist, taucht es auch bei Google Earth, Apple Maps und anderen Navigationssystemen auf. So kann Snowden wenigsten virtuell in die USA zurückkehren.

 

WBNW Welche Nachricht soll Dein Kunstwerk dem Menschen übermitteln?

Mohné Die wichtigen Veränderungen einer durch und durch technisierten Gesellschaft werden im digitalen Zeitalter nicht mehr nur, wie in vorigen Zeitaltern, durch Theologen, Geisteswissenschaftler, Künstler oder Politiker, sondern heute auch von Technikern angestoßen, die als Einzige noch fähig sind, die komplexen Vorgänge (wenigstens teilweise) zu analysieren. Wir laufen den technischen Entwicklungen hinterher, die so rasend fortschreiten, dass wir überhaupt nicht mehr verstehen, was sie alles bewirken. Sie überrollen uns förmlich wie ein Tsunami.

 

WBNW Warum ist Dir Whistleblowing wichtig?

Mohné „Whistleblower“ stellen heute für mich ein wichtiges Regulativ demokratischer Gesellschaften dar. Digitale Miniaturisierung ermöglicht Operationen im Geheimen, die oft entgegen bestehender demokratischer Rechte angewandt werden. Dies wird ungeniert betrieben, da die Akteure unkontrolliert walten können. Solche Machenschaften aufzudecken ist meist nur Insidern und Experten möglich. „Whistleblowing“ wird zukünftig noch größeres Gewicht haben. Demokratie kommt nicht mehr ohne aus. Machthaber müssen es mehr und mehr fürchten. Hierzu sind nach wie vor Menschen nötig, die bereit sind für die Verteidigung humanistischer Werte einen hohen Preis zu zahlen.

 

WBNW Inwieweit können Künstler mit ihrer Kunst Demokratie und Menschenrechte fördern und wo siehst Du Schnittstellen zum politischen Aktivsmus?

Mohné „Ziviler Ungehorsam“ steht seit 2009 auf einem Dach in einer bürgerlichen Wohngegend in Essen. REMOTEWORDS ist ein künstlerisch – politisches Projekt, dass ich seit 10 Jahren mit Uta Kopp im neuen öffentlichen Raum, dem Internet, betreibe. http://www.remotewords.net Es handelt sich um einen Begriff des Amerikaners Henry David Thoreau, der die individuelle Freiheit und Unabhängigkeit bereits Mitte des 19ten Jahrhunderts suchte. Er plädierte für das Recht des Einzelnen, gegen gültige Rechtsnormen zu verstoßen, wenn diese Ungerechtigkeit darstellten oder die Freiheit des Einzelnen ungerechtfertigt verletzten. So weigerte er sich Steuern für einen Krieg gegen Mexiko zu zahlen. Gerade in heutigen Zeiten ist die Kunst gefordert, denn die Künstler sind ja auch Teil der Zivilgesellschaft und sollten ihren Beitrag leisten. Schöne Bilder machen allein reicht nicht mehr. Ein solcher Beitrag gegen Separatismus, Populismus und politische Agitation war die Kollaboration mit Peter Weibel. Sein Satz „ONE EARTH UNITES MANY WORLDS“ ist über 5 Dächer auf 5 Kontinenten verteilt.http://zkm.de/blog/2015/09/die-erdoberflaeche-als-weisse-leinwand

 

WBNW Für Dein Projekt arbeitest du mit Bildern und Videos von Drohnen. Diese Technik ist anderswo für Krieg und Tod verantwortlich. Wie stehst Du zu einer immer mehr technisierten Gesellschaft und welche Rolle spielen Drohnen im digitalen Zeitalter?

Mohné Ich arbeite mit Überwachungstechnologien seit Mitte der 90er Jahre und mit Drohnen seit 2010. Erstmalig habe ich sie auf der Moskau Biennale eingesetzt, da waren sie noch neu. Heute sieht man sie in jedem Fernsehformat. Wie viele Erfindungen, z.B. Video- oder Lasertechnologie, stammen sie aus der Militärforschung und dienten zunächst keinem guten Zweck. Die Drohnen stellen für mich die perverseste Stufe militärischer Entwicklung dar, diese hat sich total vom ehemaligen Kampf „Mann zu Mann“ abstrahiert. Jemand sitzt in Texas und bringt per Fernsteuerung in Afghanistan Menschen um. Aber Drohnen können auch nützlich sein. So werden sie z.B. zum Transport von Medikamenten in schwer zugängliche Gebiete eingesetzt.

WBNW Du hast gesagt, dass „für die Verteidigung humanistischer Werte nach wie vor Menschen nötig sind, die bereit sind einen hohen Preis zu zahlen“. Unsere Frage: Ist Mut ansteckend und wenn ja, wie?

Mohné Unbedingt ist Mut ansteckend – und Duckmäuserei leider auch. Deshalb dieses „Tribut“ an Snowden, ein Appell Ihn nicht zu vergessen, seine Leistung zur würdigen. Hunderte Mitarbeiter des NSA hätten auch die Möglichkeit gehabt Ungerechtigkeiten aufzudecken. Aber Snowden hat es eben gemacht. Das ist der entscheidende Unterschied. Der Umgang mit der Technologie hängt vom einzelnen Menschen und der moralischen Einstellung ab. Snowden ist aber nur ein prominentes Beispiel für die vielen Whistleblower überall auf der Welt. Deshalb bin ich über unsere Zusammenarbeit sehr froh, denn ihr unterstützt ja genau die Menschen, die sich durch Zivil-Courage auszeichnen. Das macht das Whistleblower-Netzwerk so wichtig. 

 

WBNW Wie wichtig ist Dir eine Reaktion von Edward Snowden auf Dein Projekt?

Mohné Ich habe Ihn über die Arbeit per Twitter informiert. Zwar ist er eine „öffentliche Person“, wie man so schön sagt, aber ich finde es selbstverständlich ihm dies mitzuteilen. Ich wäre sehr interessiert seine Meinung dazu zu hören. Seine Aussage „I am not the story“ in Laura Poitras Film zeigt, wie bescheiden er in Bezug auf seine eigene Person ist.

Sein Porträt steht ikonografisch für das ganze unglaublich komplexe Zusammenspiel von Staat, Macht, Politik, Technologie und Mensch. Es würde mich freuen, wenn er meine Intention teilt: Hier geht es nicht um Personenkult, sondern um die Verteidigung der wichtigsten gesellschaftlichen Errungenschaft der letzten Jahrhunderte, der Demokratie.