Vertrauen in die Polizei stärken – Whistleblowerschutz im Öffentlichen Dienst ausbauen

Zweifellos finden Polizeieinsätze oft in einem schwierigen, teils aggressiven Umfeld statt. Das rechtfertigt aber nicht die Vertuschung rechtswidrigen Verhaltens auch von Seiten der Polizei. Vielmehr beschädigt es das Vertrauen in das staatliche Gewaltmonopol, wenn bei Betroffenen und Angehörigen das Gefühl entsteht, in Fällen von polizeilichem Fehlverhalten werde halbherzig ermittelt, so die Sendung: „Staatsgewalt – Wenn Polizisten zu Tätern werden„, in der Reihe „Exklusiv im Ersten“ vom 29. Juli.

Tatsächlich kommt es nur bei einem verschwindend geringen Anteil von Anzeigen wegen Polizeigewalt zu einer Anklage, geschweige denn zu einer Verurteilung. Falsch verstandene Solidarität unter Kolleginnen und Kollegen, überkommene beamtenrechtliche Meldestrukturen und Angst vor Mobbing und Repressalien bis hin zu strafrechtlichen Sanktionen stehen der Aufklärung im Wege. Ein besserer Schutz von Hinweisgeberinnen und Hinweisgebern im öffentlichen Dienst ist daher dringend notwendig. Zur Bekämpfung der Korruption wurde diese Forderung schon im Beamtenstatusgesetz teilweise umgesetzt. Dennoch hatte sich die Bundesregierung bei den Beratungen in Brüssel gegen die Einbeziehung des Öffentlichen Dienstes in den Geltungsbereich der neuen EU-Richtlinie zum Whistleblower-Schutz ausgesprochen. Den ganzen Beitrag lesen

Deutschland braucht ein umfassendes Hinweisgeberschutzgesetz

Berlin, 16.04.2019 – Transparency International Deutschland e.V. und Whistleblower-Netzwerk e.V. begrüßen die heutige Verabschiedung der „Richtlinie zum Schutz von Personen, die Verstöße gegen das Unionsrecht melden“ durch das Europäischen Parlament in Straßburg. Damit wird eine Harmonisierung des Hinweisgeberschutzes in den EU-Mitgliedstaaten angestrebt. Für viele Länder, darunter Deutschland, bedeutet die Richtlinie deutliche Verbesserungen der bestehenden Schutzvorschriften.

Unser Brief an Katarina Barley

Sehr geehrte Frau Bundesministerin Dr. Barley,

wir wenden uns heute noch einmal an Sie mit der dringlichen Bitte: Schützen Sie Whistleblower effektiv im Interesse von Demokratie und Menschenrechten. Es liegt in den kommenden Tagen in Ihrer Hand zu entscheiden, ob Sie eine Richtlinie zum Schutz von Whistleblowern oder vor Whistleblowern auf den Weg bringen wollen.

Kurt Tucholsky, einer der bedeutendsten Publizisten der Weimarer Republik, schrieb 1921 in der Weltbühne:

„Denn nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein.“

Wir vom Whistleblower- Netzwerk Deutschland (WBNW) erfahren täglich, was es auch hundert Jahre später noch heißt „nein“ zu sagen. Bitte lesen Sie unser angefügtes Schreiben an die Deutsche Telekom in Sachen des ehemaligen „Experte Vergütung“ und

Der Whistleblower Joachim Wedler deckte auf, dass die Toll Collect GmbH für den Betrieb des LKW-Maut-Systems zu hohe Betriebskosten beim Bund in Rechnung stellte.

Whistleblowers Joachim Wedler und die zynische, 6-zeilige Antwortmail der Telekom. Da erleben Sie hautnah, wie es einem geht, der versucht einen Misstand zuerst „intern“ im eigenen Unternehmen abstellen zu lassen: Er steht privat und beruflich vor einem Scherbenhaufen.

Solche Schicksale provozieren Sie, wenn Sie tatsächlich auf dem „Vorrang der internen Abhilfe“ beharren. Das ist eine Perversion der Idee des Whistleblowing.

Der SPD-Gesetzentwurf zum Whistleblowerschutz von 2012 erkannte keinen „Vorrang der internen Abhilfe“.

Das von der deutschen Wirtschaft favorisierte „Stufenmodell“ will genau dies in Stein gemeißelt sehen: Dass ein Arbeitnehmer Missstände zuerst dem Vorgesetzten oder einem internen Hinweisgebersystem melde und sich erst nach Monaten „extern“ an die Strafverfolgungsbehörden wende. Unnötig, die Implikationen dieser Forderung für das öffentliche Interesse an Aufklärung von Straftaten und für den Whistleblower selber darzulegen. Wer übernimmt dafür eigentlich mehr als die sogenannte politische Verantwortung?

Dieses „abgestufte Meldeverfahren“ macht das empirisch unbegründete Misstrauen deutlich, das allen Hinweisgebern gegenüber in Wirtschaft und Behörden vorherrscht. Letztlich soll dieser erzwungene Meldeweg deren Erstzugriff auf brisante Informationen sicherstellen. Unter dem Vorwand möglicher „unlauterer“ Motive aller Whistleblower schafft er die höchste Hürde für öffentliche Aufklärung. Die grundsätzliche Annahme über die Motivlage der HinweisgeberInnen ist deren Schädigungsabsicht.

Wollte Joachim Wedler sein Unternehmen TollCollect schädigen oder vielmehr die Bundesregierung und die SteuerzahlerInnen vor Abrechnungsbetrug schützen? Wollte ich, Martin Porwoll, einen ehrbaren Bottroper Apotheker schädigen oder Krebspatientinnen vor Krankheit, Elend und Tod bewahren?

Martin Porwoll deckte in der Alten Apotheke in Bottrop die systematische Unterdosierung von Krebsmitteln durch seinen Arbeitgeber auf.

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte schreibt in seiner ständigen Rechtsprechung ein Stufenmodell der internen-externen Meldewege aus gutem menschenrechtlichen Grund nicht vor. Auch nicht im deutschen Fall der Brigitte Heinisch. Warum will es dann die deutsche Regierung tun?

Sehr geehrte Frau Bundesministerin Barley: Lassen Sie das nicht zu. Setzen Sie denen, die darauf bestehen wollen, entgegen: „Keiner hat das Recht zu gehorchen.“ (Hannah Arendt).

Mit freundlichen Grüßen
Martin Porwoll (Bottrop)
Annegret Falter (Whistleblower-Netzwerk, Vorsitzende)

cc:
Herrn Staatssekretär Dr. Böhm
The Romanian Presidency
Vice President Timmermans and Commissioner Jourova
Virginie Roziere MEP

Anlage:
Unser Schreiben an die Deutsche Telekom AG:
15.02.2019 Schreiben an Dt. Telekom AG 
Die Antwort der Deutschen Telekom AG:
Antwort-mail der Dt. Telekom AG

Siehe auch:

WirtschaftsWoche: „Whistleblower – Die Lüge vom deutschen Saubermann“

Zeit: „Schutz von Whistleblowern: Deutschland lehnt EU-Vorstoß ab“

Netzpolitik: „Barley hat kein Herz für Whistleblower: Justizministerium blockiert EU-Gesetz“

The thruth needs friends

 

DIE #TruthNeedsFriends-KAMPAGNE

Wir haben momentan die riesige Chance, die Angst, die Stille, Einsamkeit und Mobbing zu beenden, unter denen manche Menschen leiden – nur weil sie die Wahrheit sagen. Die Europäische Union steht kurz davor, eine neue Gesetzgebung zu erlassen, die das Leben von Menschen verändern wird, die die Wahrheit über illegale Handlungen, korrupte Praktiken und andere zwielichtige Geschäfte enthüllen – auch bekannt als „Whistleblower“.
Die erste ihrer Art, die neue europäische Whistleblower-Richtlinie, würde alle 27 EU-Regierungen dazu verpflichten, Mindeststandards für den Schutz von Hinweisgeber*innen einzuführen. Zu diesen Schutzmaßnahmen gehören Strafen für Menschen, die sich an Whistleblowern rächen oder versuchen, sie zum Schweigen zu bringen; eine Verpflichtung für öffentliche und private Stellen, Kanäle für den Empfang von Berichten einzurichten und die Identität des Hinweisgebers geheim zu halten; und rechtliche Schutzschilde für Whistleblower, damit sie, falls sie beispielsweise eine Geheimhaltungsvereinbarung verletzen, nicht dafür haftbar gemacht werden.

Ein Gesetz wie dieses könnte letztlich die starke soziale Norm aufheben, die wir mit zunehmendem Alter erlernen: Wenn Sie Ärger vermeiden wollen, ducken Sie sich weg und halten Sie den Mund. Aber diese soziale Norm erlaubt es Menschen ohne Schamgefühl, damit zu „davon zu kommen“. Ob es darum geht, Pferdefleisch als Rindfleisch zu vermarkten, Menschen sexuell zu missbrauchen, die geschützt werden sollen, oder jeden auf der Welt auszuspähen.

Menschen zu bestrafen, die die Wahrheit sagen, ist nicht nur unfair, es ist eine Perversion der Werte, mit denen wir alle als Kinder aufgewachsen sind. Wir können nicht zulassen, dass korrupte Menschen in dem verzweifelten Versuch, ihre Spuren zu verwischen, die Personen, die sich als einzige um die unbequeme Wahrheit gekümmert haben, weiterhin feuern, degradieren, belästigen oder verklagen können.

Wir wollen eine Welt, in der die Wahrheit nichts zu fürchten hat.

Am stärksten hat bisher das Europäische Parlament das Recht auf die Wahrheit verteidigt. Nun muss das Parlament mit der Europäischen Kommission und dem Rat (der die Vertretung aller Regierungen der EU darstellt) verhandeln, um die endgültige Fassung der mit Spannung erwarteten EU-Richtlinie zum Whistleblowerschutz zu erarbeiten. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit, diese Richtlinie noch vor den anstehenden Wahlen des Europäischen Parlaments zu verabschieden.

Leider sind nicht alle Regierungen vollkommen davon überzeugt, dass Menschen wie wir oder Ihre Kolleg*innen oder Familienmitglieder die Stille brechen können. Deshalb unterstützen wir die Kampagne #TruthNeedsFriends.

Die #TruthNeedsFriends-Kampagne soll Menschen dazu motivieren, sich den Schlägern der Erwachsenenwelt zu stellen, die die Wahrheit zu verbergen suchen. Indem das Video geteilt wird und wir unsere Regierungsvertreter*innen in den sozialen Medien markieren, zeigen wir ihnen, dass wir die Wahrheit verteidigen und die Menschen schützen müssen, die sich äußern.

Die Zukunft der Whistleblower in ganz Europa hängt davon ab, weshalb die Wahrheit gerade jetzt viele Freunde braucht.

#thetruthneedsfriends

Link zur Kampagnenwebsite: https://www.greens-efa.eu/en/truthneedsfriends/

„Legislativer Fußabdruck“: Transparenz ist machbar

In Brüssel gibt es 12.000 registrierte Lobbyisten. An Parlamentsbeschlüssen mitwirkende Mitglieder des Europäischen Parlaments müssen künftig öffentlich darlegen, mit welchen sie sich getroffen haben. Das hat das Europäische Parlament am 31.1.2019 mit knapper Mehrheit beschlossen. Vorrausgegangen war ein jahrelanger Kampf, der nicht zuletzt durch einen beispielhaften Informations- und Kooperationsprozess von Abgeordneten der GRÜNEN und zivilgesellschaftlichen Organisationen zum Erfolg führte.
Der GRÜNEN-Abgeordnete Sven Giegold war maßgeblich daran beteiligt: https://sven-giegold.de/bahnbrechender-erfolg-fuer-lobbytransparenz/

Veröffentlicht unter Europa