Buchbesprechung: Esther Wyler – Whistleblowing

Über die schweizer Whistleblowerinnen Esther Wyler und Margrit Zopfi haben wir in diesem Blog schon mehrfach berichtet. Sie haben im Sozialamt Zürich auf Missstände, insbesondere die unrechtmäßige Auszahlung von Sozialleistungen hingewiesen und in der Folge nicht nur ihren Arbeitsplatz verloren, sondern sind letztlich sogar strafrechtlich wegen Bruch des Amtsgeheimnisses verurteilt worden. Zugleich hat ihnen ihr Whistleblowing auch den Publikumspreis Prix Courage von Beobachter.ch eingebracht.

In ihrem Buch geht Wyler das Thema Whistleblowing ganz grundsätzlich an. Ihr Fall und viele weitere Fallbeispiele, auch und gerade aus Deutschland, werden nur dort erwähnt, wo dies zur Illustration von generellen Mechanismen und Problematiken von Bedeutung ist. Letztere systematisch darzustellen, darauf kommt es Wyler an.

Am Anfang des Buches steht demzufolge auch eine Erläuterung und Klärung des Begriffs Whistleblowing, gefolgt von einer Beschreibung des typischen, fünf-phasigen Ablaufs.

Im Mittelteil beschreibt Wyler, die selbst Rechtswissenschaften und Philosophie studiert hat, die Rechtslage für Whistleblower in den USA, Großbritannien, Deutschland und der Schweiz. Für Deutschland und die Schweiz identifiziert sie dabei massive Defizite im Schutz von Whistleblowern, die zuförderst aus der Überbetonung der Verschwiegenheits- und Treuepflichten der Beschäftigten gegenüber dem eigenen Arbeitgeber resultieren. All jenen, die sich nicht durch juristische Promotionen, Aufsätze und Urteile wühlen wollen bietet Wyler dabei einen guten und flüssig lesbaren Überblick.

Besonders interessant ist jene Passage, in der Wyler herausarbeitet, dass in den letzten Jahren durch die Informationsfreiheitsgesetze eine Durchbrechung des Amtsgeheimnisses stattgefunden hat, dass jener neue Maßstab, dort wo es um die Grenzen der persönlichen Verschwiegenheitspflichten der Beamten und im öffentlichen Dienst Beschäftigten geht, aber noch keine Anwendung zu finden scheint.

Über Rechtsfragen hinausgehend beschreibt Wyler sodann im Kapitel „Whistleblowing und Gesellschaft“  plastisch die Schwierigkeiten die Whistleblower im Umgang mit Politikern, Arbeitgebern, Medien, eigenen Kollegen und dem eigenen Umfeld haben.

Gerne werden Whisteleblower laut Wyler benutzt, oft als Verräter beschimpft, ab und an auch als Helden gefeiert. Sie zeigt, wie in ihrem Fall die Politiker der konservativen SVP in Zürich sie bei der Aufdeckung des Skandals unterstützten und öffentlich Forderungen nach besserem Schutz von Whistleblowern aufstellten, um so den an der Macht befindlichen Rot-Grünen-Bündnis eins auszuwischen, nur um nur wenig später, als es um die Einführung eines gesetzlichen Whistleblowerschutzes in der Schweiz geht, eben jenen Schutz rundweg abzulehnen. Diejenigen die sie bei der Preisverleihung des Prix Courage feierten, zeigten ihr kurz danach auf der Suche nach einer neuen Arbeitsstelle die kalte Schulter.

Aber Wyler bleibt nicht an ihrem Fall und am Verhalten von Einzelpersonen hängen, sondern kommt in ihrer Analyse zu dem Schluss:

„Ethische Dissidenten“ verunsichern, sind kaum korrumpierbar, meiden Seilschaften, gefährden tradierte Unten-Oben-Schema, scheuen sich nicht, so genannte Autoritäten aus Politik und Wirtschaft anzugreifen, was absurderweise auch in demokratischen Ländern einer Gotteslästerung gleichkommt. Es sind nicht nur „die da oben“, die Whistleblower mehr oder weniger offen bekämpfen, sondern manchmal genauso – ganz im Stillen – „die da unten“, die lieben Arbeitskollegen beispielsweise.“

Am Ende hat Wyler wenig Hoffnung, dass der nötige Kulturwandel, den ja auch wir vom Whistleblower-Netzwerk einfordern, jemals stattfinden wird. Es sei aber „gut zu wissen, dass es immer schon Menschen gab und auch in Zukunft geben wird, die sich für allgemein anerkannte Werte einsetzen und sich durch die Steine, welche Politik, Justiz, Wirtschaft und Gesellschaft ihnen in den Weg legen, nicht einschüchtern und irritieren lassen.“ 

Esther Wyler hat sich mittlerweile als Beraterin selbständig gemacht, auch um diesen Menschen unterstützend zur Seite zu stehen.

Wyler, Esther: Whistleblowing — Bedingungen und internationale Rechtssituation; ISBN: 978-3-906065-07-6; 2012.

 

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