Satt und sauber?

Eine Altenpflegerin kämpft gegen den Pflegenotstand

100 Jahre Rowohlt

Das Whistleblower-Netzwerk und der Rowohlt-Verlag machen in einer gemeinsamen Aktion auf eine Buchveröffentlichung zum 1. 10. aufmerksam: Die Geschichte der  Altenpflegerin

Brigitte Heinisch,

Trägerin des Whistleblowerpreises und des Publikumspreises der ARD für Zivilcourage,
ist nun unter dem Titel

Satt und Sauber? Eine Altenpflegerin kämpft gegen den Pflegenotstand
(Originalausgabe, 224 S., 12 €)

dokumentiert.

Satt und sauber?Brigitte Heinisch konnte nicht mehr wegsehen: Heimbewohner lagen bis zum Mittag in Urin und Kot, andere wurden ohne richterlichen Beschluss in ihren Betten fixiert. Sie schlug Alarm bei ihrem Arbeitgeber, aber ohne Erfolg. Schließlich zeigte sie ihren Arbeitgeber, die Vivantes-Gruppe, an – und wurde fristlos entlassen. Ihre persönliche Geschichte gibt einen schockierenden Eindruck von unseren Pflegeheimen und zeigt, auf welche Katastrophe die Altenpflege in Deutschland zusteuert.

Der Fall Heinisch zeigt auch, wie dringend gesetzliche Maßnahmen für Whistleblower – Menschen, die sich nicht mit Missständen und unhaltbaren Zuständen abfinden wollen und deshalb Alarm schlagen – notwendig sind. In den USA wurde gerade die Consumer Product Safety Reform abgeschlossen – rund 20 Millionen Arbeitnehmer können nun ungefährdet Hinweise über drohende Gefahren oder Gesetzesverstöße weitergeben.

In Deutschland wird derzeit die Einführung eines ähnlichen Paragraphen 612a im Bürgerlichen Gesetzbuch im Bundestag diskutiert, der aber weit hinter die US-Regelungen zurückfällt. Selbst mit dieser neuen Regelung wäre Brigitte Heinisch gekündigt worden. Solange Schutzmaßnahmen nicht zielgerichtet und wirksam durch den Gesetzgeber angegangen werden,  wird sich auch im Bereich der Altenpflege nichts ändern.

5 Gedanken zu „Satt und sauber?

  1. Ich kann die Erlebnisse von Frau Heinisch nur bestätigen. Nach erfolgreicher Altenpflegeausbildung im August habe ich in mehreren Einrichtungen zur „Probe“ gearbeitet. Trotz hervorragender Noten sollte ich 1-2 Wochen „Probearbeiten“, welches sich aber in fast allen Fällen als ausnutzen rausgestellt hat. Ich habe sogar einen Festvertrag in einer Einrichtung bekommen, damit ich die Nachtvertretung für 7 Nächte mache. Als ich auf verschiedene Missstände, wie morgens immer eine Stunde länger als im Dienstplan steht zu arbeiten, Tropfenplan, waschen mitten in der Nacht (Demente, die danach angezogen wieder ins Bett gelegt werden sollten) oder katastrophale hygienische Zustände, wie Insulinpens und Eiskompressen im normalen Kühlschrank unter Grünkohl, aufmerksam machte, wurde mir fristlos gekündigt.
    In einer weiteren Einrichtung sollte ich erst 3 Tage „Probe“ arbeiten und dann sehe man weiter. Hier kommentierte eine Nachtschwester, die wie eine Rockerbraut aussah, einen Bewohner der sich nachts eingekotet hatte mit den Worten:“ Ich habe die „Scheisse“ von der Bettdecke weggekriegt, aber im Laken ist noch Scheisse, der machte einen Aufstand.“ Das Wort „Scheisse“ war normal von der PDL bis zur Helferin. Demente wurden nach der Grundpflege bis mittags im Speisesaal „geparkt“, ohne das eine Beschäftigung angeboten wurde. Mittags kamen dann die beiden PDL`s und kümmerten sich „rührend“ um die „lieben Kleinen“. So kam es mir jedenfalls vor. Grundsätzlich wurde das Essen im Stehen angereicht und zwar mit Tempo, damit sie schnell wieder in ihre Betten verfrachtet werden konnten. Mir wurde richtig schlecht bei diesem Vorgehen und ich fragte mich, ob ich das mitmachen will. Schließlich brauche auch ich Geld zum Leben. Ich kann das aber nicht mitmachen und so habe ich dort nicht zugesagt.
    In einem ambulanten Pflegedienst war es üblich, dass jede Pflegekraft nach eigenem Gutdünken pflegt. Auf meine Nachfrage sagte man mir, dass die andere Kollegin es schon richtig mache. Konkret, die Eine säubert z.B. eine Trachealkanüle, die Andere nicht.
    Ich bin wirklich am überlegen, ob ich in diesem Beruf, der so Menschenverachtend sein kann, weiterarbeiten will. Vielleicht gehe ich wieder ins Büro, da kann ich „Scheisse“ sagen, weil es nur die Akten betrifft.

  2. Per Zufall stieß ich auf das für mich neue Wort „Whistleblower“ und sah gleich hier nach. Mein Leben und meine Existenz bekam den ersten schrecklichen Hieb, als ich, als Unternehmer mit einem kleinen Alten- und Pflegeheim, dieses unter dramatischen Umständen verlor und damit meine gesamte finanzielle Existenz. 14 Jahre lang hatte ich dies kleine Unternehmen (mit praktisch nicht gestartet) zu einem modernen Dienstleistungsunternehmen gemacht, so gut es ging, mit den knappen finanziellen Mitteln, die Privatunternehmern zugestanden wurde. Mein Grundhandeln war aber immer: den 23 Damen und Herren in meinem Haus einen menschenwürdigen, liebevollen Lebensabend und auch ein würdevolles Hinübergehen zu ermöglichen und zwar ganz klar im Sinne von christlicher Nächstenliebe, Agape, aber im reifen erwachsenen Sinne. Der Kampf war unsäglich anstrengend, obwohl ich aktiv mein Helfersyndrom „abarbeitete“. Wie auch immer: Innerlich blutete ich dennoch aus, durch die Verletzungen die mir ständig zugefügt wurden – mutwillig – vor allem durch die Heimaufsicht und einen Mann (inzwischen wurde mir bestätigt, dass er extrem korrupt ist). Ich habe aber weiter gemacht, so gut es ging. In unserem Land ist alles, was nicht an der Norm läuft, auszugrenzen. Wenn einer wie ich ein Haus wie eine kleine liebevolle Familie führte, dann passte das nicht, wenn im Zuge dessen ein paar vielleicht auch verwirrte Damen und sogar Herren in unserer kleinen Küche, die meist ich mitbestritt, „mithalfen“, weil es ihnen Freude machte, eine beschäftigungstherapeutische Maßnahme war. Natürlich wurde unterstellt, dass dies „unter Zwang“ geschah, um personell auszugleich. Welch Hohn und Quatsch. Als dies nach Befragungen nicht haltbar bleibt, waren es die fehlenden Gersundheitszeugnisse derjenigen Bewohnerinnen und Bewohner, die fehlten…… Ich will nicht weiter ausholen und die wirklich schlimmen Geschehnisse hervorholen.
    Letztlich also verlor ich alles, inkl. 14 Jahre Altersvorsorge. Meine anlagebedingeten Beladenheiten brachen voll aus: Depression und Abhängigkeitserkrankung. Richtig „erholt“ habe ich mich davon nie mehr, aber ich ließ mich nicht davon abbringen, Nächstenliebe zu leben, bis heute und auch weiterhin, auch wenn dies in unserer verrohten und weiter verrohenden „Gesellschaft“ nicht erwünscht scheint und ist. Und als mittlerweile ALG2-Empfänger darf ich nun auch erleben, wie mit Menschen umgegangen wird, die, wie ich, versuchen, in diesem Sinne zu leben. „Man“ wird nun noch weiter hinuntergedrückt. Aber das ist ein anderes Thema.
    Jedem der mich heute fragt, ob er sich in diesem Bereich selbständig machen oder eine leitendere Position einnehmen soll, rate ich zwar nicht strikt ab, aber ich versuche diesen Menschen dann im Gespräch weiter zu begleiten, um zu einer vielleicht realistischeren Sicht seiner Absicht und deren Konsequenzen für Leben und Gesundheit zu finden.
    So findet hier, auf der anderen Seite der gleichen Münze an vielen Orten in diesem Sinne auch „Zivilcourage“ ihre schwer zu lebende Umsetzung.

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