Journalisten als Whistleblower?

Über Nachdenkseiten, Readers Edition und Watchblog läßt sich in der Jungen Welt unter Bezug auf eine leider online scheinbar nicht mehr verfügbares Interview mit dem Schweizer Migros Magazin ein Bericht über die Gründe nachlesen, warum Ulrich Tilgner zukünftig nicht mehr für das ZDF berichten will, sondern zum Schweizer Fernsehen wechselt.

Im Migros-Magazin erklärte der Nahost-Epxerte, er fühle sich in Deutschland in seiner Arbeit zunehmend eingeschränkt, »gerade auch was die Berichterstattung aus Afghanistan angeht, jetzt, wo dort deutsche Soldaten sterben«. Es gebe Bündnisrücksichten, die sich in der redaktionellen Unabhängigkeit der Sender widerspiegelten. Gleichzeitig werde Politik immer mehr in Nischen verdrängt.

Sehr diplomatisch ausgedrückt heißt dies wohl, dass die Berichterstattung über die wahren Verhältnisse im öffentlich rechtlichen Fernsehen und Radio – und wohl auch in anderen etablierten Medien und jenseits außenpolitischer Rücksichtnahmen – hinter der politischen und/oder wirtschaftlichen Zweckmäßigkeit zurücktritt. Mal abgesehen davon, dass Tilgner mit dieser Äußerung quasi selbst zum Whistleblower wurde, zeigt er hier ein Dilemma auf, in dem viele Whistleblower stecken.

Wenn sie sich – zumeist nach einem langen Weg im Innern ihrer Organisation und auch bei zuständigen Behörden – irgendwann einmal dazu durchringen, ihr Wissen an die Öffentlichkeit zu tragen, müssen Sie manchmal feststellen, dass – obwohl Sie hoffen dass jetzt der Missstand doch jedem ins Auge springen und er daher bekämpft werden wird – nichts geschieht. Entweder Sie finden schon keinen Journalisten, da diese die o.g. Erwägungen bereits selbst verinnerlicht haben, oder aber sie finden einen Journalisten, der sich eigentlich auch für die Story interessieren würde, dessen Redaktionsleitung ihm dann aber klar macht, dass diese Story keine Verbreitung finden wird.

Welche Lokalzeitung hat heute noch den Mut, über Mobbing, Mauscheleien mit der Stadtverwaltung oder andere Missstände beim größten Arbeitgeber der Stadt zu berichten wenn dieser gleichzeitig größter Anzeigenkunde ist und gleichzeitig dessen Vorstandvorsitzender, der Zeitungseigner und der zuständige städtische Dezernent angesehene Mitglieder im lokalen Rotarier-Club sind?

Selbst wenn diese Herrschaften nicht über überregionale Kontakte verfügen sollten, ist die Chance mit einer solchen Story bei überregionalen Medien anzukommen leider oft auch nicht viel besser. Blogs und Webseiten sind zwar Alternativen, aber hier sind das grassierende Abmahnwesen, die oft fehlende wirtschaftliche Durchhaltekraft und auch die mangelnden Recherche-Ressourcen entscheidende Hindernisse. Schließlich muss der Whistleblower im Einzelfall abwägen, ob ihm diese Art der Veröffentlichung im Verhältnis zu seinen Risiken auch genug Öffentlichkeitswirkung und damit ausreichende Chancen auf Veränderung (und evtl. auch persönlichen Schutz) bietet.

Whistleblower-Netzwerk e.V. jedenfalls wünscht sich Journalisten die bereit und in der Lage sind Stories professionell zu recherchieren, die Toolbox zum Umgang mit Whistleblowern beherrschen und auch für eine effektive Verbreitung ihrer Geschichten zu sorgen. Journalistinnen die den Mut haben auch mal gegen den Strom der Zeit anzuschreiben. Diesen möchten wir eine Plattform zur Vernetzung mit Whistleblowern und untereinander bieten.

Ein Gedanke zu „Journalisten als Whistleblower?

  1. Würde unsere öffentlich rechtlichen Gebührenerpressermedien die Wahrheit berichten, bekämen sie bald keine Gebühren mehr. Deshalb verbreiten sie Propaganda. Solange die CDU die Mehrheit der Länder unter sich hat, machen sie CDU Propaganda, ansonsten die für andere Parteien.

    Immer bestens versorgt mit Sendezeit werden die Mietmäuler von INSM und Mohn/Bertelsmann.

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