Fälle ohne Whistleblowing?

Der Titel dieser Seite mag etwas in die Irre führen. Denn hier soll es nicht nur um Fälle gehen, in denen kein Whistleblowing stattfand, sondern auch um solche in denen es sicher oder wahrscheinlich Whistleblowing gab, diesem aber nicht oder jedenfalls nicht rechtzeitig Gehör geschenkt wurde.

Die Folge: es kam zu Katastrophen, die eigentlich hätten vermieden werden können.

Hier zeigt sich am drastischsten, worin der Unterschied zwischen Zeugen und Whistleblowern besteht. Die einen – die Whistleblower – versuchen rechtzeitig Alarm zu schlagen, hört man Ihnen aufmerksam zu und geht man den Aussagen auf den Grund lassen sich Katastrophen und Missstände oder jedenfalls deren Ausweitung verhindern. Die anderen – Zeugen, z.B. vor Gericht – werden erst befragt, wenn alles zu spät ist, das Kind in den Brunnen gefallen sind. Dann geht es nur noch um Schuldzuweisungen und eine oft lange und häufig ergebnislose juristische Aufarbeitung im Nachhinein.

Einige der folgenden Beispiele sind bei unserem Kooperationspartner dem DokZentrum ansTageslicht.de ausführlich dokumentiert. Bei anderen steht leider eine detailliertere Aufarbeitung und Dokumentation noch aus. Es gibt aber dennoch viele Anzeichen, dass der Fall in diese Rubrik gehört:

  • 1986 bricht die NASA-Raumfähre Challenger 73 Sekunden nach dem Start der Mission  in etwa 15 Kilometern Höhe auseinander, alle sieben Astronauten sterben. Ursache: das Versagen eines oder mehrerer Dichtungsringe aufgrund zu niedriger Außentemperaturen. Der bei der Lieferfirma beschäftigte Ingenieur Roger Boisjoly hatte diese Gefahr schon vorher erkannt, konnte aber keinen Startabbruch erreichen.
  • 1987 sterben 193 Menschen vor Zeebrügge bei der Havarie der Ro-Ro-Fähre Herald of Free Enterprise. Ursache: „Um die Stillstandszeiten im Hafen und damit Kosten zu minimieren, war es gängige Praxis, die Bugklappen erst nach dem Ablegen auf dem Weg zur Hafenausfahrt zu schließen. Da die Bugklappen von der Brücke aus nicht zu sehen waren und es auch keine Kontrollleuchten gab, die den Verantwortlichen auf der Brücke die Schließung der Klappen hätten bestätigen können, war es Aufgabe des Oberbootsmannes, dies zu kontrollieren. Der Oberbootsmann hatte sich laut Vorschrift aber während des Auslaufens ebenfalls auf der Brücke aufzuhalten, weshalb er die Kontrolle der Bugklappen einem Matrosen übertrug.“ Die Erkenntnisse der Untersuchungskomissionen  in diesem und anderen Fällen (Clapham Zugunglück 1988 und Kollaps der Bank BCCI  1991) führten in Großbritannien zur Gründung der Whistleblowing-Organsation public concern at work und schließlich auch zur Verabschiedung des Public Interest Disclosure Acts.
  • Das Jahr 1991 endete in Schweden mit einem Flugzeug-Crash: Beim Flug SAS 751 mit 129 Passagieren an Bord fielen knapp zwei Minuten nach dem Take-off beide Triebwerke aus: nicht entferntes Klareis auf den Flügeln begann sich zu lösen, wurde von den Turbinen eingesogen und zerstörte die Motoren.
    Eis ist beim Fliegen lebensbedrohend. Das wusste man – eigentlich – schon immer. Aber Maßnahmen dagegen sind immer ein bißchen aufwendig, kosten immer auch ein bißchen Geld. Solange alles gutgeht, kümmert man sich nicht darum – weder die Fluglinien noch die Passagiere.
    Einer, der nach dem Fast-Desaster (alle Menschen hatten wie in einem Wunder und mit viel Glück überlebt) sofort in die Offensive gegangen war, ein gestandener SAS-Flugkapitän namens Oluf HUSTED, und auf Informationen und flächendeckenden Maßnahmen bestand, um künftig solches zu verhindern, wurde außer Dienst gestellt: Die SAS hatte den Entzug seiner Fluglizenz durchgesetzt: Flugzeugabsturz 1991 und SAS-Flugkapitän Oluf HUSTED
  • 1996 entlässt die Europäische Kommission nach einem Disziplinarverfahren Bernard Connolly, der zuvor als Referatsleiter für die Währungsunion zuständig war. Ein Vorwurf: mit seinem Buch The Rotten Heart of Europe‘: The Dirty War for Europe’s Money‘.  in welchem Connolly eindrücklich vor den Risiken einer Währungsunion warnt, habe er seine Loyalitätspflicht verletzt. Heute ist Connolly auch aufgrund seiner damaligen Vorhersagen ein geschätzer Analyst.
  • 1998 kamen bei Zugunglück von Eschede 101 Menschen ums Leben, 88 wurden schwer verletzt. Bei Wikipedia heißt es hierzu: „Die für das Unglück verantwortlichen Räder wurden bei drei unabhängigen Messungen als schadhaft angezeigt und trotzdem nicht ausgewechselt. …
    Der 1995 von Maschinenbaumeister Gottfried Birkl eingereichte Lösungsvorschlag einer mobilen Radreifenüberwachung durch Messfolien im Inneren der Radreifen war seinerzeit aus Kostengründen abgelehnt worden. Diese Messfühler hätten Risse oder zumindest eine Verdrehung des Radreifens während der Fahrt festgestellt und durch Zwangsbremsungschlimmere Folgen eines Bruchs verhindern können.“
  • 2001 am Ende des Jahres geht eines der einstmals größten US-Unternehmen, Enron, in die Insolvenz. Die Ursache: Bilanzmanipulationen. Sherron Watkins, eine hochrangige Enron-Managerin hatte die Unternehmensleitung schon Monate vorher darauf hingewiesen, aber außer Repressalien gegenüber Watkins und Vertuschungsaktionen geschah nichts. Im Folgejahr wird Watkins als eine von drei Whistleblowerinnen „Person of the year“ des US-Magazins Time und US-Präsident Busch unterschreibt als Reaktion auf die Pleiten von Enron und Worldcom den Sarbanes-Oxley-Act.
  • 2002 kollidieren über Überlingen zwei Flugzeuge. Die Folge: 71 Opfern, davon 49 Kinder. Die Ursache: ein allein überforderter Fluglotse. Die private Zürcher Flugsicherung, Skyguide hatte aber bereits seit Jahren aus Kostengründen Nachts nur einen Fluglotsen im Einsatz. Kann man wirklich annehmen, dass keiner, der auf Safty-First Ausgebildeten Fluglotsen dies beanstandet und auf die Risiken hingewiesen hat?
  • 2004 wendet sich der norwegische Mitarbeiter Per Yngve Monsen an die zuständige Abteilung in der Zentrale seines Arbeitgebers in München. Er weist anonym darauf hin, dass dem norwegischen Militär rechtswidrig rund 6,1 Millionen Euro zuviel in Rechnung gestellt wurden. Die Reaktion: der „Maulwurf“ wird enttarnt und verliert seinen Job. Es dauert Jahre bis Monsen von Gerichten in Norwegen Schadensersatz zugesprochen bekommt und die Firma zumindest zeitweilig gesperrt wird. Noch länger dauert es bis das System Siemens auch in Deutschland auffliegt.
  • 2005 bekommt die US.Securities and Exchange Commission (SEC) erneut Post. Schon fünf Jahre zuvor hatte Harry Markopolos auf seien Verdacht bezüglich eines Schneeballsystems im größten Hedge-Fonds der Welt hingewiesen. Jetzt legt er mit einem 21seitiges Dossier nach, in dem er basierend auf Finanzahlen aus 14 Jahren auf 30 große Unstimmigkeiten in dem Zahlenwerk von Bernard Madoff hinwies. Bis dieser Ende 2008 verhaftet wurde, hatte er einen Schaden von geschätzten 64,8 Mrd. US-$ angerichtet. Der Titel des Buches von Harry Markopolos ist bezeichnend: „No One Would Listen: A True Financial Thriller“. Jetzt soll die SEC unter neuer Führung besser zuhören und nach dem Dodd-Frank-Act Whistleblower aus der Finanzbranche auch mit Prämien belohnen. Ein System dass sich beim US-False-Claims-Act in anderen Bereichen schon seit längerem bewehrt hat. Man darf gespannt sein.
  • 2006 stürzte die Eissporthalle in Bad Reichenhall ein – ein auch im Jahre 2011 noch nicht endgültig abgeschlossenes Verfahren. Rund 30 Jahre lang hat niemand darauf aufmerksam gemacht, dass die Dachkonstruktion nicht genehmigungsfähig war und dass es deswegen auch keine Baugenehmigung gegeben hatte. Und dass dies und jenes nicht in Ordnung war. Die Folge: 15 Tote und viele (Schwer)Verletzte.
    Ein erstes (vergleichsweise mildes) Urteil eines Strafgerichts wurde seitens des Verurteilten und auch der Staatsanwaltschaft angefochten. Jetzt hat der Bundesgerichtshof entschieden, dass das Verfahren neu aufgerollt werden muss. Für die Betroffenen, die ihre Kinder oder Eltern verloren haben, wird der tragische Vorgang nie ‚abgeschlossen‘ sein: Einsturz der Eissporthalle in Bad Reichenhall: 15 Tote
  • Im Jahr 2007 wurde eine Krankenschwester der Berliner Charite, einem sehr großen Krankenhaus, wegen Mordes verurteilt. Sie hatte mehrere ältere Menschen, die krank waren und sich nicht mehr wehren konnten, z.B. mit Spritzen ins Jenseits befördert. Vielen ihrer Kollegen waren über längere Zeit Dinge aufgefallen, die sie – eigentlich – hätten warnen bzw. zur Tat schreiten lassen müssen. Es geschah aber nicht: Die Hierarchien in Krankenhäusern sind streng und niemand wollte irgendetwas riskieren. Die Folge: mehrere Tote bzw. Ermordete: Berliner Charite – Stationsschwester „Tod“
  • 2010 kamen in Duisburg bei der Love-Parade 21 Besucher zu Tode und 541 weitere wurden verletzt. Ursache war eine viel zu kleine Unterführung, durch die die Besuchermassen in zwei Richtungen gleichzeitig geschleust wurden. Im Vorfeld hatte es einige Personen, auch innerhalb von Polizei und Stadtverwaltung gegeben, die erfolglos auf die Risiken dieser Engstelle hingewiesen hatte. Dies zeigen z.B. die hierzu von WikiLeaks veröffentlichten Dokumente. Aber niemand wollte auf diese Stimmen hören und das Prestigeprojekt gefährden.
  • 2012 lief vor der Insel Giglio das Kreuzfahrschiff Costa Concordia auf Grund was zum Tod von 32 Menschen, darunter 12 Deutschen führte. Wahrscheinlich waren zwei der (Mit-)Ursachen des Unglücks lange vorher bekannt: die Risikobereitschaft der Kapitäne bei einer möglichst nahen Vorbeifahrt die Insel zu grüßen und unverschlossene Schotttüren unterhalb der Wasserlinie im Rumpf des Schiffes. Hat hier wirklich niemand gewarnt, oder sind auch diese Warnungen aus Prestige und ökonomischen Gründen ungehört geblieben?

Gerne würden wir zusammen mit dem DokZentrum ansTageslicht.de den hier nur angedeuteten und weiteren Fällen nachgehen und diese weiter aufarbeiten. Hierfür bräuchten wir dringen mehr Unterstützung.

Im Ausland bereite eine sorgfältige Aufarbeitung von Katastrophen und die dadurch mögliche Suche nach strukturellen Ursachen für das Schweigen oder Nicht-Hören-Wollen in einigen Fällen den Boden für ein größere Aktzeptanz von Whistlblowing, für ein kulturelles Umdenken in Sachen Loyalität und für besseren rechtlichen Schutz von Whistleblowern.  Dies wünschen wir uns auch für Deutschland.