Dr. Rainer Moormann

    Wissenschaftlicher Angestellter am Forschungszentrum Jülich      

Der Chemiker Dr. Rainer Moormann arbeitete 35 Jahre lang in der Kernforschungsanlage (KFA), dem heutigen Forschungszentrum in Jülich (FZJ). Zu seinen wissenschaftlichen Arbeitsschwerpunkten zählte über lange Zeit die Sicherheit von Kugelhaufen-Reaktoren (Variante von Hochtemperatur-Reaktoren, HTR). Ein Versuchsreaktor dieses Typs (AVR) mit einer Kapazität von 15 Megawatt war in Jülich bis 1988 in Betrieb. Er wurde mit in Graphitkugeln eingeschlossenem Brennstoff betrieben und mit Helium-Gas gekühlt. Hochtemperatur-Reaktoren werden von interessierten Kreisen in der Fachwelt, in der Wirtschaft und in der Politik bis heute dafür gerühmt, dass sie „inhärent sicher“ seien: Bei ihnen bestehe, im Gegensatz etwa zu Leichtwasser-Reaktoren, nicht das Risiko einer Kernschmelze; nukleare Katastrophen seien damit nicht zu befürchten. Dr. Moormann gelangte in seinen Untersuchungen demgegenüber zu dem Schluss, dass mit der Kugelhaufen-HTR-Technologie andere, nicht minder bedrohliche Störfallmöglichkeiten und Risiken mit katastrophalen Folgen für Mensch und Umwelt verbunden sind.

Dr. Moormann deckt auf, dass der 1988 endgültig stillgelegte Versuchsreaktor in Jülich im Normalbetrieb jahrelang unzureichend gegen überhöhte Betriebstemperaturen im Reaktorkern gesichert war. Zeitnahe direkte Temperaturmessungen erschienen nicht möglich; langwierige Messverfahren wurden zwar schon bis 1974 entwickelt, aber bis 1986 nur unzureichend angewandt. Hinweisen auf zu hohe Reaktortemperaturen wurde nicht hinreichend nachgegangen.

Moormann legt Indizien dafür vor, dass der Betreiber-Gesellschaft mutmaßlich schon seit Ende der 1970er Jahre die Problematik überhöhter Betriebstemperaturen aufgefallen war. Möglicherweise befürchtete man, dass entsprechende Untersuchungen das Ende des AVR-Betriebs bedeuten könnten. Die Aufsichtsbehörde gab sich mit der Vorlage von Modellrechnungen durch die Betreiber-Gesellschaft zufrieden.

Durch die Untersuchungen von Dr. Moormann ist der begründete Verdacht aufgekommen, dass der AVR Jülich am 13.5. 1978 nur knapp einem Unfall mit den verheerenden Folgen einer weitflächigen radioaktiven Verseuchung der Umwelt entging.

In der Folge des als unbedeutend eingestuften Störfalls gelangte auch radioaktiv hoch kontaminiertes Wasser aus dem Reaktorbehälter ins Erdreich unter dem Reaktor und ins Grundwasser. Die konkreten Auswirkungen dieser Kontamination liegen bis heute im Dunkeln. Über damit verbundene Gesundheitsgefährdungen sowie einen möglichen Zusammenhang mit gehäuften Leukämieerkrankungen im Umland herrscht Ungewissheit. Der Leiter der Reaktorsicherheitsforschung am FZ Jülich äußerte hingegen noch 2011 vor laufenden Kameras im WDR, eine Gefahr für Mensch und Umwelt sei vom AVR niemals ausgegangen.

Nachdem das Thema in den Medien Beachtung fand, hat das FZ Jülich am 11.4.2011 in einer Presseerklärung Stellung genommen. Darin heißt es: „Die von Dr. Moormann dargestellten Fakten werden – nach Einschätzung des Forschungszentrums – in der Fachwelt nicht in Frage gestellt. Wissenschaftlich kontrovers wird hingegen diskutiert, wie die Schlussfolgerungen von Dr. Moormann im Hinblick auf die Spaltproduktfreisetzung innerhalb des Reaktors und die Sicherheit des Betriebes des AVR damals zu bewerten sind.“

Nun soll es offenbar zu einer ernsthaften Untersuchung des damaligen Störfalls durch ein vom FZ Jülich in „Reaktion auf das Reaktorunglück in Fukushima“ in Aussicht genommenes Expertengremium kommen. Auch der NRW-Landtag hat im Herbst  2011 beschlossen, eine Untersuchungskommission einzusetzen.

Angesichts der intensiven Bestrebungen der „Atom-Community“, nach dem seit 2011 beschlossenen „Atom-Ausstieg“ Deutschlands das technologische Know-How wie auch Konstruktionselemente des HTR nunmehr zu exportieren und z.B. in Südafrika, China und anderen Ländern, darunter Polen, zu vermarkten, ist eine von der Betreibergesellschaft und vom FZ Jülich sowie politisch unabhängige Untersuchung der AVR/HTR-Technologie überfällig. Ihr Ergebnis wird u.a. daran zu messen sein, inwieweit sie sich detailliert und allgemein nachvollziehbar mit den von Dr. Moormann aufgezeigten Wissens- und Forschungslücken auseinandersetzt.

Dass Dr. Moormann seine Kritik intern und öffentlich ohne disziplinare Sanktionen artikulieren konnte, ist erfreulich. Dennoch hat er für seine Zivilcourage zahlen müssen. Er wurde intern und von der externen „Kugelhaufen-Community“ als Nestbeschmutzer diffamiert und als „verrückt“ („insane“) verleumdet. Seine Arbeitsgruppe im FZ Jülich wurde aufgelöst. Er selbst wurde in eine andere Abteilung versetzt und dort aufgefordert, seine „nuklearfeindlichen Aktivitäten“ einzustellen, da man auf Aufträge aus dem Nuklearbereich angewiesen sei. Inzwischen befindet er sich im vorzeitigen Ruhestand.

Dr. Moormanns Whistleblowing und seine Orientierung am Gemeinwohl sind beispielhaft für verantwortliches wissenschaftliches Handeln. Darum erhielt er den Whistleblowerpreis 2011 der IALANA und der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW).

 Foto: (c) Petrov Ahner   –   Text: (c) Annegret Falter – WBNW e.V.
Whistleblowing – Licht ins Dunkel bringen! – Ein Ausstellungsprojekt von Whistleblower-Netzwerk