Brigitte Heinisch

   ehemalige Altenpflegerin aus Berlin  

Wenn ältere Heimbewohner bis nachmittags in ihrem Kot und Urin liegen (müssen), ist das unmenschlich. Wenn Heimleiter die Order ausgeben, in den offiziellen „Pflegeberichten“ dürfe „Personalmangel nicht erwähnt werden. Aber: ‚Aus innerbetrieblichen Gründen sind derzeit nur Teilwaschungen möglich’“ und diese finden definitiv nicht statt, kann man das als Täuschung oder auch Dokumentenfälschung bezeichnen. Auch der „Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) hatte „Qualitätsdefizite in allen Qualitätsbereichen“ festgestellt. Wenn Unternehmen dafür aber Geld nehmen und aus Seniorenheimen „Profitcenter“ machen wollen, ist das Betrug. Vor allem, wenn sie in so genannten Überlastungsanzeigen darauf aufmerksam gemacht werden, dass vieles nicht mehr geht und eigentlich Abhilfe geschaffen werden müsste.

Dieser Meinung jedenfalls war Brigitte Heinisch. Und Betrug ist ein Straftatbestand. Bedeutet: Wenn der eigene Arbeitgeber, in diesem Fall die Berliner Firma „Vivantes – Netzwerk für Gesundheit GmbH“, auf Hinweise und Warnungen einfach nicht reagiert, muss man zum Staatsanwalt. Das gebietet das Gewissen. Schließlich hatte das Bundesverfassungsgericht höchstrichterlich bereits 2001 entschieden, dass auch Arbeitnehmer ihren Arbeitgeber anzeigen dürfen, wenn strafrechtlich relevante Belange vorliegen (Az: 1 BvR 2049/00). Und dass deswegen Arbeitnehmer nicht mit Kündigung ‚abgestraft’ werden dürfen.

Der Anwalt von Brigitte Heinisch macht der Fa. Vivantes klar, dass seine Mandantin andernfalls eine Selbstanzeige machen, also sich selbst anzeigen müsste. Und dass dies ebenfalls staatsanwaltschaftliche Ermittlungen auslösen würde. Und dass dabei eine „nicht genehme öffentliche Diskussion“ über die inakzeptablen Zustände entstehen könne.

Der „Gesundheits“-Konzern Vivantes zeigt sich unbeeindruckt. „Der Vorwurf der nicht sichergestellten ausreichenden Pflege … bedeutet eine verleumderische Behauptung … gegenüber ihren Kolleginnen und Kollegen“, heißt es in einem Schreiben an Heinischs Rechtsanwalt. Jetzt beginnt auch das übliche Spiel: Man beginnt Heinisch zu mobben. Man versucht ihre KollegInnen gegeneinander auszuspielen, verbietet allen, mit ihr zu sprechen oder sie anzurufen. Denn sie ist inzwischen krank:

  • Die menschenunwürdigen Zustände, die sie alleine nicht verändern kann,
  • die Ignoranz ihres Arbeitgebers gegenüber ihren eindeutigen Überlastungsanzeigen,
  • das offenkundige Desinteresse von Vivantes am Wohlergehen der Heimbewohner,
  • der innere Konflikt zwischen einer Selbstanzeige oder Strafanzeige gegen den eigenen Arbeitgeber

schlagen auf ihre Seele und ihren Magen.

Weil der „Gesundheits“-Konzern keinerlei Bereitschaft zeigt, sich mit der Kritik und den Vorwürfen auseinanderzusetzen, erstattet Heinisch über ihren Rechtsanwalt Strafanzeige gegen die Verantwortlichen bei Vivantes. Als die Berliner Staatsanwaltschaft nach einem Monat die Ermittlungen ergebnislos einstellt und „Betrug“ nicht feststellen kann (oder will), ist dies für Vivantes willkommener Anlass, die unbequeme Mitarbeiterin loszuwerden. Brigitte Heinisch wird zum 31. März 2005 gekündigt.

Kollegen und Freunde schließen sich zu einem Solidaritätskreis zusammen. Jetzt geht es nicht mehr nur um eine Kündigung, jetzt will man die Öffentlichkeit mobilisieren: über den „alltäglichen Wahnsinn in unseren Pflegeheimen“, konkret den „Wahnsinn zwischen der tagtäglichen Arbeitsüberlastung und daraus folgender physischer und psychischer Erschöpfung“. Jetzt geht es ganz allgemein um eine menschenwürdige Gesundheitsversorgung in Berlin. Und weil der Betriebsrat der Kündigung nicht zustimmt, kündigt Vivantes der engagierten Altenpflegerin vorsorgehalber ein zweites Mal: dieses Mal fristlos.

Jetzt werden auch die Medien eingeschaltet. Ein erstes Arbeitsgerichtsurteil geht erst einmal zu Gunsten Heinischs aus. Die Berufung von Vivantes vor dem Landesarbeitsgericht im März 2006 endet mit dem Gegenteil: Heinisch habe die Vorwürfe „in keiner Weise“ belegen können, dies „stelle eine schwere Loyalitätsverletzung dar“, eine Weiterbeschäftigung sei ihrem Arbeitgeber „nicht zuzumuten“. Und: eine Berufung vor dem Bundesarbeitsgericht werde nicht zugelassen. Nur 4 Wochen später checkt der MDK das Pflegeheim erneut und dokumentiert „teilweise gravierende Mängel“, spricht von „psycho-sozialer Unterversorgung“.

Kurz darauf beschäftigt sich das TV-Magazin „Report Mainz“ mit dem Fall und macht das Thema Altenpflege bundesweit bekannt. Und: Der Journalist veröffentlicht zusammen mit einem bekannten Experten ein Buch („Im Netz der Pflegemafia“): Jetzt ist das Problem in die Wahrnehmung aller gerückt. Auch mit Heinischs Buch, das 2008 erscheint: „Satt und Sauber?

Eine Nichtzulassungsbeschwerde Heinischs und ihre Verfassungsbeschwerde werden 2007 abgewiesen. Sie zieht vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg. Der spricht am 21. Juli 2011 ein wegweisendes Urteil (Az: 28274/08): 1) Das „Offenlegen von Missständen“ ist durch die Meinungsfreiheit gedeckt. 2) Das „öffentliche Interesse an Informationen über Mängelüberwiegt das Interesse eines Unternehmens am Schutz seines Rufes und seiner Geschäftsinteressen.“

Ein Jahr später im Wiederaufnahmeverfahren am Berliner Arbeitsgericht legte ihr der Vorsitzende Richter einen Vergleich nahe. Wenn sie diesen nicht annähme, könnte eine erneute jahrelange juristische Auseinandersetzung folgen. Nach stundenlangen Verhandlungen und massivem Druck durch den Richter willigte Heinisch in einen Vergleich ein.

Mit ihrem sieben Jahre langen Kampf stärkte Brigitte Heinisch das Recht, Missstände im Betrieb anzuzeigen und öffentlich zu machen.

Mehr – und auch das Urteil – unter www.ansTageslicht.de/Heinisch.

 Foto: (c) Petrov Ahner   –   Text: (c) Johannes Ludwig – WBNW e.V.
Whistleblowing – Licht ins Dunkel bringen! – Ein Ausstellungsprojekt von Whistleblower-Netzwerk

 

 

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