Wir wollen: einen Kulturwandel

Da wir wollen, dass Whistleblowing stattfindet und erfolgreich ist, kann dies nicht allein durch verantwortlich handelnde Organisationen, bessere Gesetze und eine fördernde Politik erreicht werden. Die größten Hürden, denen Whistleblower im Alltag gegenüber stehen, sind vielmehr oft psychologischer und kultureller Art, es ist die Art wie viele von uns mit Kritik und Problemen umgehen, die es zu ändern oder zumindest zu hinterfragen gilt

Psychologische und kulturelle Hindernisse
Selbst der erfahrene Psychologe Stanley Milgram und auch die von ihm vorher befragten Personen, hätten nie erwartet, dass sich in einem Experiment durch eine Situation in der eine künstliche nur kurzlebige Gehorsamsstruktur geschaffen wird, sehr viele Menschen dazu bewegen lassen Taten zu vollbringen, die eklatant gegen die Interessen Dritter, gegen rechtliche Normen und auch gegen ihre eigenen ethischen Maßstäbe verstoßen, nur weil dies scheinbar so von ihnen erwartet wird und sie meinen eine Absprache einhalten zu müssen.

Andere sozialpsychologische Experimente zeigen, wie sehr wir bei Entscheidungen auf Andere achten und wie wenig die meisten von uns bereit sind, „aus der Reihe zu tanzen“, als erster aktiv zu werden oder sich gar gegen eine Gruppe zu stellen, der sie angehören.

Wissenschaftlich belegt ist auch, dass Menschen Informationen bevorzugen, die ihrem Bild der Welt entsprechen. Bereits unser Gehirn nimmt Wirklichkeit nicht objektiv wahr sondern steuert unsere Wahrnehmung so, dass sie meist unseren Erwartungen entspricht und diese festigt. Dies lässt sich an optischen Täuschungen oder Zaubertricks gut zeigen, hat aber viel weitergehendere Folgen.

Viele Menschen werden von Ängsten gesteuert und versuchen Konflikte zu vermeiden oder zu ignorieren. Wir mögen jene, die uns sagen, was wir hören wollen und tun sehr viel um deren, und unser eigenes Verhalten nicht kritisch hinterfragen zu müssen und (einen Schein von) Konsistenz aufrecht zu erhalten. Menschen wollen sich ihren Glauben an eine im innersten irgendwie doch gerechte Welt um fast jeden Preis bewahren. Sie überschätzen ihre eigenen Fähigkeiten und unterschätzen Risiken ganz nach dem kölschen Grundgeseetz „et hätt noch emmer joot jonge“.

Hinzu kommt die immer stärkere Diffusion von Verantwortung dank Arbeitsteilung, Spezialisierung und mit zunehmender, nicht nur räumlicher Distanz einhergehender, Globalisierung. Die Fixierung auf im wahrsten Sinne des Wortes zähl-baren, kurzfristigen Nutzen und Geld, bei der die Moral und die Menschlichkeit auf der Strecke bleiben, tut ihr übriges.

Die Probleme der Whistleblower und Whistleblowing als Teil der Lösung
All dies sind Faktoren denen sich Whistleblower in vielen Fällen gegenüber sehen. Sie müssen aufbegehren gegen Weisungen über Dinge hinwegzusehen. Konkurrieren mit hoch angesehenen und mächtigen Organisationen oder Personen um die Definition von Wirklichkeit und Faken, oder besser zumeist kämpfen sie mit jenen Mächtigen verzweifel darum zu dieser Konkurrenz und zum Zugang zu Beweismitteln überhaupt zugelassen zu werden, ihre Sicht der Dinge überhaupt vorbringen, in einen sachlichen Diskurs überhaupt einsteigen zu können. Sie sehen sich vielfach Organisationen gegenüber in denen häufig entweder niemand oder alle irgendwie und dann auch irgenwie wieder nicht zuständig sind. Die Whistleblower aber auch ihre Kollegen sind häufig wirtschaftlichen Zwängen ausgesetzt und können nicht so wie sie gerne wollen würden.

Weiters Problem: es gibt oft keinen klaren Zeitpunkt zu dem sich Whistleblowing aufdrängt. Zunächst ist der Sachverhalt noch unklar, das Risiko noch vage. Man wartet ab und gewöhnt sich daran nichts zu tun, gerade dann wenn auch andere wegschauen, die durch die eigene Untätigkeit ebenfalls bestärkt werden. Für diejenigen die z.B. aus rechtlichen Gründen eigentlich besonders frühzeitig aktiv werden müssten entsteht ab und an eine weitere Zwickmühle: eine anfängliche Untätigkeit begründet eine eigene Verstrickung, die ihrerseits das weitere Schweigen fördert.

Magret Heffernan beschreibt viele dieser Prozesse in ihrem Buch „Wilful Blindness“ aber sie steckt den Kopf trotzdem nicht in den Sand. Ihr Motto lautet: “Cassandras und Whistleblower zeigen uns, dass die Kräfte, die bewusstes Wegsehen begünstigen, überwunden werden können”. Sie rät zur Förderung von Whistleblowing und zu Mechanismen und Außenseitern die z.B. Führungskräfte und Eliten – ganz in der Tradition der Hofnarren oder des Kindes in “Des Kaisers neue Kleider”- mit der ungeschminkten Wahrheit konfrontieren.

Aber sie mahnt auch zur Vorsicht und Wachsamkeit hinsichtlich der beschriebenen Gefahren. So sollten z.B. auch institutionalisierte Kritiker und Prüfer nicht nur unabhängig sein, sondern auch regelmäßig wechseln, damit Nähe, Sympathien und Erwartungen den kritischen und unbefangenen Blick nicht trüben.

Weiter schreibt Heffernan: “Wir dürfen uns aber dennoch nicht allein auf Außenstehende verlassen. Wir selbst müssen zwei kritische Gewohnheiten entwickeln: kritisches Denken und Mut”. Mut eingefahrene Wege zu verlassen, den Konflikt vielleicht zunächst auch nur spielerisch zu suchen, um die Angst vor ihm abzubauen; Komplexität zu hinterfragen. Nach dem zu suchen, was wir nicht sehen!  ”Sehen beginnt mit einfachen Fragen: Was kann ich wissen, was sollte ich wissen was ich nicht weiß? Was entgeht mir ich hier gerade?”

Auch Immanuel Kant und die Aufklärung haben einen Ratschlag parat: „sapere aude – Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“, also nichts wie raus aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit!

Unterstützung und Solidarität
Den soeben beschriebenen Weg beschreitet man am best nicht allein, sondern gemeinsam mit Unterstützern. Denn auch dies belegen das Experiment von Milgram und viele weitere: Kritik, Widerstand und Hilfleistung in Notfällen geht gemeinsam viel leichter von der Hand. Dieser Gedanke führte in der Arbeitswelt zum Zusammenschluss von Beschäftigten in Gewerkschaften, deren Vertreter sich vor Ort allerdings nicht in jedem Whistleblowerfall an der Seite des Whistleblowers finden.

Stärkung durch Solidarität war schließlich auch ein wesentliches Motiv für die Entstehung unseres Netzwerks und weltweit vieler anderer zivilgesellschaftlicher Gruppen, die sich für Whistleblower einsetzen. Daneben gab es auch immer wieder Fälle in denen sich vor Ort Solidaritätsgruppen für einzelne Whistleblower und deren Fälle bildeten, auch dies ist Teil und Beitrag des von uns gewünschten Kulturwandels.

Rolle der Medien
Jenseits der Solidarität innerhalb der Organisation ist für Whistleblower, jedenfalls dort wo sie auf der internen und  behördlichen Ebene gescheitert sind auch die Unterstützung durch die Öffentlichkeit und sein Ansehen in der Öffentlichkeit von entscheidender Bedeutung.Die Strategie den Ruf des Whistleblowers anzugreifen wenn man seine Fakten nicht angreifen kann ist altbekannt und bewährt. Alte und neue Medien können beiden Seiten als Mittler dienen. Allerdings sind heute mehr Journalisten in der PR tätig als im investigativen Journalismus. Letzerer ist teuer und Mittel sind knapp. Auch hier wäre ein gewissen Wandel der Kultur im Sinne einer stärkeren Rückbesinnung auf die klassischen Werte und die Wächterfunktoin von Journalismus wünschenswert.

Whistleblower als Nestbeschmutzer und Denunzianten?
Von den immer wieder gehörten und gern gegen Whistleblower in Feld geführten Schlagworten  von Nestbeschutzung, Denunziantentum und angeblich fehlender Loyalität sollten sich Whistleblower nicht einschüchtern lassen. Um es mit Max Frisch zu sagen: “Die das Nest schmutzig machen, zeigen empört auf einen, der ihren Schmutz bemerkt und nennen ihn den Nestbeschmutzer.”

Denunziation ist ein Begriff der ursprünglich eine neutrale Bedeutung hatte, im Rahmen auch der deutschen Diktaturen aber heute eine eindeutig negative Bedeutung hat. Er bezieht sich auf die Anzeige eines angeblichen Regel-/Gesetzesverstoßes. Weiß der Anzeigende. dass dieser Verstoß in Wahrheit gar nicht existiert, ist ethisch eine negative Bewertung sicherlich angebracht. Jenseits jener Konstellation sollten aber in einem demokratischen Rechtstaaat, ganz anders als in einer Diktatur, aber keine Regeln existieren, hinsichtlich derer ein Meldung über einen tatsächlichen Verstoß an eine zu dessen Überprüfung zuständige und an die Unschuldsvermutung und den Verhältnismäßigkeitsgrundsatz gebundene Stelle, ethisch generell als negativ beurteilt werden sollte (wem hier Regeln einfallen hinsichtlich derer er sich dieser Bewertung nicht anschließen möchte, sollte einmal überlegen, ob das zu bekämpfende Problem an jener Stelle nicht die Regel oder die für deren Verletzung drohenden unverhältnismäßigen Sanktionen sind).

Demnach erscheint uns in dieser Situation, und darum geht es beim Whistleblowing, die Verwendung eines klar abwertenden Begriffs wie z.B. Denunziation völlig unangebracht. Zuzugeben ist allerdings, dass eine solche rechtliche oder generelle ethische Bewertung eventuell von einer situativ persönlichen Bewertung abweichen kann. So mag insbesondere eine Person, die in einer besonderen persönlichen Nähebeziehung zu jemand anderem steht (z.B. Partner, Familienmitglied, enge Freunde) auch eine rechtlich berechtigte Anzeige aus seiner Sicht negativ bewerten. Die bloße Arbeitsbeziehung kann aber in der heutigen flexibilisierten und dynamisierten Arbeitswelt, in der auch Unternehmen ihre Entscheidungen vor allem nach ökonomischen Kriterien treffen (müssen), es nicht rechtfertigen diese Abwertung in einer gesellschaftlichen Diskussion unkritisch zu übernehmen, oder gar noch rechtlich als entscheidend einzustufen.

Whistleblower und Loyalität
Die am Ende des vorstehenden Absatzes geäußerten Überlegungen sind auch auf die Frage der Brandmarkung von Whistleblowing als schwere Loyalitätsbruch zu übertragen. Hinzu kommt, dass Loyalität sich nicht in bloßer Regelbefolgung erschöpft, sondern eine freiweillige Selbstverpflichtung und ehtische Komponente beinhaltet. D.h. Loyalitätsollte in der Regel freiwillig in einem Gegenseitigkeitsverhältnis geleistet und nicht erzwungen werden. Dort wo Zwang nötig wird besteht im Zweifel keine Loyalität mehr. Hinzu kommt, dass es beim Whistleblowing nicht allein um eine rein personal orientierte Loyalität zu einem Beschuldigten oder zu Vorgesetzten geht, die dem Whistleblowing entgegensteht. Es geht vielmehr typischer Weise um einander zumindest auf den ersten Blick widersprechende Loyalitäten. Der Whistleblower ist loyal zu seinen ethischen Werten, zu den Regel um deren Einhaltung er sich bemüht und zu den dahinter stehenden davon geschützten Personen, Umwelten und Werten. In den allermeisten Fällen dürfte dem Whistleblower auch eine besondere Loyalität zu der Organisation zugestanden werden in der es zu einer Unregelmäßigkeit kommt, denn auch diese muss zumindest längerfristig ein Interesse daran haben, Rechtskonformität sicherzustellen, Misstände abzustellen und auch Dritten (potentiellen Tätern ebenso wie potentiellen Investoren) klar zu machen, dass sie hierzu willens und in der Lage ist. Auch hier braucht es einen Kulturwandel und eines geänderten Bewußtseins in vielen Unternehmen und bei vielen Managern im privaten und öffentlichen Sektor.