FAQ

Was ist Whistleblowing?
Die Offenbarung von illegalen oder illegitimen Missständen und Risiken durch Angehörige einer Organisation (Insider) an Adressaten (innerhalb oder außerhalb der Organisation), um so eine Veränderung zu bewirken.

Whistleblower gehen anonym an die Öffentlichkeit – oder?
Dies ist nur eine Form. Unterscheidbar sind offenes, vertrauliches oder anonymes Whistleblowing, je nach dem, ob der Adressat den Whistleblower kennt. Und internes, behördliches oder externes Whistleblowing,  je nach dem, ob der Adressat der Organisation oder einer staatlichen Stelle angehört oder nicht: Auch wer offen und intern, z.B. seinen Vorgesetzten auf Missstände, hinweist ist ein Whistleblower.

Sind Whistleblower illoyal?
Nein! Ganz im Gegenteil. Ihre Loyalität besteht aber zu Werten und nicht zu den illoyal und illegitim Handelnden.

Wie läuft Whistleblowing ab?
Typischer Weise kann der Whistleblowing-Prozess in folgende 5 Phasen gegliedert werden:

  1. Ereignis – bemerken des Missstands und Einordnung
  2. Bewertung – Verhaltensoptionen: schweigen, weggehen, reden
  3. Aktion – Whistleblowing (Adressat/Form/Inhalt)
  4. Reaktionen – durch Adressat und Organisation und deren Mitglieder
  5. Evaluation – Erfolg, Frustration oder Wiederholung ab Phase 3

Warum ist Whistleblowing wichtig?
Missstände und kriminelle Handlungen können gedeihen wo Intransparenz herrscht.  Wer nicht weiß, dass etwas schief läuft, kann dagegen auch nichts tun. Je arbeitsteiliger eine Organisation oder Gesellschaft aufgestellt ist, umso mehr ist sie auf Insider angewiesen, die aufzeigen, wo Pro-bleme und Risiken bestehen. In Organisationen (z.B. Betrieben/Behörden) werden kritische Informationen oft nur gefiltert nach oben weitergegeben. Auch Chefs sollten daher Whistleblowing im eigenen Interesse fördern. Demokratie als Volksherrschaft setzt Wissen  der Öffentlichkeit voraus, damit demokratischer Diskurs gelingt.

Gibt es Beispiele?
Funktionierendes Whistleblowing im Alltag wird oft gar nicht als solches wahrgenommen, denn wenn der Angesprochene in der Organisation gut reagiert und den Missstand abstellt, ist dies ja eigentlich keine große Sache.
Anders sieht es dort aus, wo Organisationen sich weigern und es zu Repressalien und als Folge dann oft zu öffentlichem Whistleblowing kommt.
International bekannte Fälle sind Deep Throat alias Mark Felt, der Informant der Watergate Affäre, Daniel Ellsberg mit den Pentagon Papieren oder Mordechai Vanunu der die Atompolitik Israels aufdeckte. Als bekanntesten deutschen Whistleblower könnte man Martin Luther ansehen.
In Deutschland sind aus heutiger Zeit die  Altenpflegerin Brigitte Heinisch zu nennen,  die Pflegemissstände aufdeckte und gekündigt wurde, sowie Rudolf Schmenger und Kollegen, die sich als Steuerfahnder Einschränkungen bei der Kontrolle von Großbanken nicht gefallen ließen und mit falschen Gefälligkeitsgutachten psychatrisiert und zwangs-pensioniert wurden.
Auch Gammelfleischfälle und Datenmissbrauch wurden oft nur dank Whistleblowing bekannt.

Gibt es Risiken?
Ja, Whistleblower riskieren von ihrer Organisation und ihren Kollegen ausgegrenzt und gemobbt zu werden. Sie riskieren Kündigungen und in einigen Fällen auch Strafverfolgung und Angriffe auf Gesundheit und Leben – es kommt immer darauf an, mit wem man sich anlegt und wie dessen Reaktion aussieht. Der gesetzliche Schutz ist unzureichend.

Sind Whistleblower geschützt?
Rechtlich gilt für Whistleblower in Deutschland, dass sie im Regelfall zunächst intern melden und die Reaktion der betroffenen Organisation abwarten müssen, bevor sie sich an Behörden wenden dürfen. Der Gang an die Öffentlichkeit ist meist verboten. Verstoßen sie gegen diese Regeln können Whistleblower fristlos entlassen werden. Aber selbst wenn sie die Regeln beachten sind Whistleblower Repressalien wie z.B. Mobbing meist schutzlos ausgesetzt. Sie tragen hier nämlich die Beweislast und der Arbeitgeber sitzt auch sonst am längeren Hebel.

Aber Whistleblower genießen doch Informantenschutz?
So ist dies nicht korrekt. Informantenschutz meint nur, dass Journalisten rechtlich nicht gezwungen werden können, ihre Quellen offen zu legen. Bei internem, behördlichem oder jeder Art von offenem Whistleblowing greift er daher von vornherein nicht. Aber auch sonst gilt: Informantenschutz ist ein Journalistenrecht welches Whistleblower allenfalls nur indirekt schützt und dessen Einhaltung Whistleblower gegenüber Journalisten rechtlich nicht wirksam einfordern können. Zu beachten ist auch, dass Schutz durch Anonymität überall dort nicht funktioniert wo der Whistleblower einer von sehr wenigen ist, der die Information besitzt oder sich vorher schon kritisch geäußert hat. Außerdem bedarf es zahlreicher Randbedingungen, damit ein Whistleblower-Fall die Chance hat, von den Medien aufgegriffen zu werden.

Warum bleibt Whistleblowing oft aus?
Neben unzureichendem Schutz und Angst vor Repressalien gibt es zwei weitere Hauptgründe warum Whistleblowing oft unterbleibt. Der vielleicht wichtigste ist eine Kultur des Schweigens. Falsch verstandene Gruppenloyalität und unreflektierter Gehorsam führen wie auch psychologische Experimente (Ash, Milgram, pluralistische Ignoranz) zeigen, dazu dass Menschen lieber Schweigen und Mitmachen statt aufzubegehren und sich für Werte, Recht, Mitmenschen und Umwelt einzusetzen. Die Chance zur Veränderung ist eine weitere Voraussetzung, denn Whistleblowing findet nur dort statt, wo Whistleblower meinen, etwas bewirken zu können. Oft herrscht dagegen Resignation vor.

Was will das Whistleblower-Netzwerk ändern?
Wir wollen die Voraussetzungen dafür schaffen, dass Whistleblowing dort wo es nötig ist auch stattfinden kann und stattfindet. Nötig dafür:
Die Einstellung der Menschen zu Whistleblowing muss sich ändern: Angefangen in Schule und Kindergarten, wo nach- und hinterfragen gefördert und die Gefahren von überzogener Gruppenloyalität statt Werteloyalität aufgezeigt werden müssen. Bis hin zu Unternehmern und Gewerkschaften, die endlich die Vorteile von Whistleblowing erkennen und fördern sollten.
Auch der Gesetzgeber ist gefordert. Meinungsfreiheit und Petitionsfreiheit müssen gerade im Arbeitsleben ausgebaut werden. Eine Information der Behörden über Missstände im Betrieb muss immer möglich sein. Illegale und illegitime Geheimnisse dürfen nicht länger geschützt werden und die Demokratie einschränken.
Schließlich müssen Whistleblower geschützt und Whistleblowing auch bewusst gefördert werden, wobei beides einhergehen muss mit dem Schutz jener, die zu Unrecht in Verdacht geraten.

Was tut Whistleblower-Netzwerk e.V.?
Als gemeinnütziger Verein sehen wir unseren Schwerpunkt darin über Whistleblowing aufzuklären. Dies vor allem über unsere Webseite http://whistleblower-net.de. Im dortigen Blog berichten wir auch stets über Aktuelles zum Thema. Außerdem versuchen wir Betroffene zu beraten, sowohl durch Tipps auf der Webseite als auch in individuellen Gesprächen. Wir bauen ein Netzwerk von jenen auf, die Whistleblower unterstützen wollen (z.B. Journalisten, Anwälte und Psychologen/Ärzte), um so weitere Hilfe im Einzelfall vermitteln zu können. Zugleich sind wir Ansprechpartner für Politik, Medien und Organisationen und entwickeln Konzepte für gesetzliche und innerorganisatorische Maßnahmen zur Whistleblowingförderung.

Was können Sie tun?
Informieren  Sie sich,  besuchen Sie unsere Webseite. Unterstützen Sie uns und vor allem den nächsten Whistleblower in ihrem Umfeld