| Tipps für Whistleblower |
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| Freitag, 09 März 2007 | |
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Vorbemerkung: Wenn Sie z.B. in Ihrem Betrieb Ihren Vorgesetzten auf kritische Vorfälle und potentielle Missstände aufmerksam machen, sind Sie schon ein Whistleblower. Wenn dieser Vorgesetze den Willen und die Möglichkeit hat die Missstände zu beseitigen, haben Sie in der Regel kein Problem, im Idealfall wirkt sich Ihre Umsichtigkeit vielleicht sogar positiv auf Ihre Karriere aus. Wir wollen und hoffen, dass diese positive Reaktion auf Whistleblowing in den meisten Organisationen der Normalfall ist. Davon ist wohl auch auszugehen, jedenfalls solange es sich um kleinere Problemchen des Betriebsalltags handelt, die ohne große Kosten abzustellen sind, kein Problemverursacher da ist der genug Einfluss hat um die Missstände zu vertuschen und kriminelle Hintergründe keine Rolle spielen. Besonders wenn diese Voraussetzungen nicht erfüllt sind, gibt es aber leider immer noch zu viele Situationen, in denen Whistleblowing nicht willkommen ist, die Missstände fortbestehen und der Whistleblower hohe Risiken auf sich nimmt. Der erste und wichtigste Rat für zukünftige Whistleblower ist daher abzuschätzen ob es Anzeichen dafür gibt, dass die Reaktion auf ihr Whistleblowing evtl. nicht positiv sein könnte und ob siie mit ihrem Whistleblowing also Risiken auf sich nehmen. Um solche Anzeichen zu erkennen sollten Sie sich vor allem auf Ihr Gespür, Ihre Kenntnisse und Erfahrungen verlassen und sich Fragen stellen wie: Was passierte bisher, wenn jemand auf Missstände aufmerksam gemacht hat? Sind die Fälle vergleichbar? Sind noch dieselben Akteure da? Kernfrage ist dabei: Wer hat evtl. welche Interessen und welchen Einfluss? Beachten Sie eines: das Risiko die Reaktionen richtig abzuschätzen liegt immer bei Ihnen – im schlimmsten Fall kann eine Fehleinschätzung gravierende Folgen haben. Papier ist geduldig. Vertrauen Sie mehr auf konkrete Beispiele und Erfahrungen als auf schöne Worte und generelle Aussagen in Firmenselbstdarstellungen. Je höher Sie das Risiko einschätzen, umso mehr sollten Sie sich mit den folgenden Tipps beschäftigen. Steigen Sie ein in eine sorgfältige Analyse und strategische Planung.
Weitere Tipps: · Machen Sie sich Ihre eigenen Motive klar, die Bedeutung der Angelegenheit für Sie und was Sie letztlich bereit sind einzusetzen (an Zeit, Geld und Kraft). Wenn auch egoistische Motive eine Rolle spielen oder wenn Sie selbst sich etwas zu Schulde haben kommen lassen, könnte auch dies gegen Sie verwandt werden. Malen Sie sich die schlimmste Reaktion aus, die Sie sich vorstellen können und fragen Sie sich, ob und warum Sie dieses Risiko eingehen wollen. Können Sie und Ihr Gewissen damit leben, nichts zu tun? Welche Alternativen gibt es?
· Ziehen Sie alternative Erklärungen in Erwägung und machen Sie sich immer klar, dass Sie nur einen Teil des Bildes sehen und es für alles auch eine ganz harmlose Erklärung geben kann.
Versuchen Sie Fragen zu stellen um Ihr mögliches "Missverständnis" aufzuklären, aber seien Sie auch dabei schon vorsichtig an wen Sie sich wenden.
· Stellen Sie sich auf Reaktionen ein. Informieren Sie sich darüber, was anderen Whistleblowern widerfahren ist und überlegen Sie vorab, wie Sie damit zurecht kommen würden. · Sprechen Sie offen mit Ihrer Familie und Ihren besten Freunden, wie diese die Dinge sehen. Nehmen Sie deren Fragen und Anregungen ernst und hinterfragen Sie Ihre eigene Position. Sichern Sie sich deren Rückhalt, denn ohne die Unterstützung Ihrer Familie und Ihrer Freunde könnten Sie später einmal für Sie bisher unabsehbare Probleme bekommen. · Führen Sie ein Falltagebuch, in dem Sie alle Fakten und Vorkommnisse chronologisch erfassen (sowohl die Missstände selbst als auch Ihre Abhilfebemühungen als auch evtl. Angriffe gegen Sie). · Sammeln Sie Material und Beweismittel, bevor Sie Whistleblower werden – hinterher werden Ihnen unter Umständen viele Informationen nicht mehr zur Verfügung stehen. Aber Vorsicht: hier kann es rechtliche Beschränkungen geben, z.B. bzgl. Informationen, zu denen Sie keinen Zugang haben oder hinsichtlich des Mitnehmens (physisch und/oder elektronisch) von Originalen und/oder Kopien, die Sie kennen sollten. · Schützen Sie Ihre Unterlagen vor unbefugtem Zugriff und erstellen Sie Sicherheitskopien, die Sie an anderen Orten und/oder bei Personen Ihres Vertrauens aufbewahren. · Suchen Sie Zeugen, Mit-Whistleblower und Verbündete und überlegen Sie, wer gemeinsame Ziele und Interessen haben könnte, wer sich für die Sache stark machen könnte. Überlegen Sie, ob z.B. Betriebsräte, Vertrauensleute, Berufsorganisationen oder Gewerkschaften für Sie in Frage kommen. Aber Vorsicht: fragen Sie sich stets nach deren Interessen und vertrauen Sie tatsächlicher Praxis und Erfahrungen mehr als schönen Worten. Wenn es darum geht, „langfristig im Betrieb etwas erreichen zu können“, muss dies nicht bedeuteten, dass die Unterstützung Ihrer Anliegen nützlich und verfolgenswert ist. · Seien Sie vorsichtig: Je mehr Personen Sie ansprechen und je mehr Sie Fragen stellen und Dokumente/Dateien/Internetseiten anfordern, umso mehr kann auch jemand Wind von der Sache bekommen von dem Sie dies (noch) nicht wollen. Computeraktivitäten, vor allem im Büro, hinterlassen Spuren! · Seien Sie der perfekte Mitarbeiter. Selbst mit nur kleinen Unregelmäßigkeiten, mal zu spät kommen oder zu früh gehen, privates Telefonieren, surfen, mailen, kleine Fehler bei der Arbeit und vor allem auch dem Betreiben Ihrer Whistleblowing-Aktivitäten während des Dienstes, liefern Sie denjenigen Munition, die Sie angreifen wollen. · Kümmern Sie sich um gute persönliche Beziehungen zur Personalabteilung und zum technischen Personal und halten Sie diese auch in Krisen aufrecht. Unterscheiden Sie zwischen Nachricht, Übermittelndem und Verantwortlichem. · Erstellen Sie eine bzw. mehrere Zusammenfassungen, in denen Sie den Fall auf einer halben bis maximal zwei Seiten mit den wichtigsten Fakten so darstellen, dass er für unbeteiligte Dritte ohne Vorkenntnisse nachvollziehbar ist. Selbst wenn Sie diese nicht herausgeben, hilft Ihnen die Erstellung die Sache auch für sich selbst klarer zu sehen. · Machen Sie sich juristisch schlau, suchen Sie sich frühzeitig einen guten Anwalt und investieren Sie viel Zeit in die Auswahl (im Idealfall sollte er/sie sich mit der grundlegenden Materie auskennen, Zeit für Sie haben, Ihre (politische/ /soziale/ökologische) Motivation teilen und auch bereit sein außerhalb des rein juristischen Bereichs mitzuarbeiten). Geld, welches Sie rechtzeitig in einen guten Anwalt investieren, zahlt sich später aus. · Wählen Sie die Art ihres Whistleblowing sorgfältig aus. Die unterschiedlichen Grundformen sind offenes, anonymes (mit oder ohne Rückkanal) und vertrauliches Whistleblowing. Machen Sie sich jeweils mit den Vor- und Nachteilen vertraut. · Wenn Sie sich für anonymes Whistleblowing entscheiden, prüfen Sie, ob Sie dies über eine dritte Person Ihres Vertrauens (z.B. Anwalt) machen können. Machen Sie sich klar, dass es oft nur wenige Personen gibt, die über bestimmte Informationen und/oder Dokumente verfügen. Sie könnten dann sehr schnell enttarnt werden. Haben Sie eingeplant, wie Sie reagieren, wenn Ihre Anonymität auffliegt, der Kollege nebenan zu Unrecht unter Beschuss gerät, oder wenn Vertraulichkeit nicht gewahrt wird? · Halten Sie Ihre Whistleblowing-Aktivitäten beweiskräftig fest. Es mag Situationen geben wo ein informelles Gespräch mit dem Vorgesetzten zunächst der beste Weg ist, um Bedenken zu äußern und die Sache ohne große Umstände in den Griff zu bekommen. Wenn es um ernste Missstände oder komplexe Sachverhalte geht oder wenn es Anzeichen gibt, dass jemand ein Interesse an der Beibehaltung oder Vertuschung der Missstände hat, ist in der Regel ein sorgfältig ausgearbeitetes schriftliches Whistleblowing, möglichst auch mit Zugangsbeweis (z.B. Einschreiben mit Rückschein), vorzuziehen. Bei einigen Hinweisgebersystemen besteht diese Möglichkeit selbst bei anonymen Whistleblowing. · Beachten Sie formale Vorgaben und eigene Anzeigepflichten, z.B. Remostrationen oder Überlastungsanzeigen. Diese dienen auch Ihrem Schutz da Sie so unter Umständen eine eigene Haftung oder gar strafrechtlicher Verfolgung verhindern können. · Bleiben Sie stets sachlich. Geben Sie nur Fakten wieder, die Sie auch beweisen können und hüten Sie sich vor Spekulationen. Versuchen Sie Ihre Informationen durch weitere Quellen zu überprüfen. Machen Sie sich klar, dass Sie in der Regel nur einen Teil des Bildes sehen. Selbst wenn alle Anzeichen für Sie auf einen Missstand hindeuten, kann es doch manchmal eine Erklärung für Vorkommnisse geben, die auch Sie, sobald Sie auch über diese Information verfügen, davon überzeugen kann, dass gar kein Missstand vorliegt. · Vermeiden Sie Angriffe und Vorwürfe gegen Personen. Stellen Sie Fragen und weisen Sie zunächst nur konkret auf Vorkommnisse hin, die potentiell einen Missstand darstellen könnten und zeigen Sie, dass es Ihnen um eine konstruktive Problemlösung geht. Elemente eines solchen Berichts könnten z.B. sein: Datum des Berichts, Berichtender, Datum, Ort und Zeitpunkt/Dauer der Vorkommnisse; Kollegen, die die Vorkommnisse ebenfalls beobachtet haben (könnten); genaue Beschreibung der Vorkommnisse, bisher erfolgten; Reaktionen, Folgen und Risiken; War der Vorfall vermeidbar?; Wie könnten Wiederholungen vermieden werden?; Vorschläge für Gegenmaßnahmen und deren Umsetzung sowie sonstige Verbesserungsvorschläge. · Im Zweifel: Untertreiben Sie die Missstände und Ihre Erkenntnisse! Dies ermöglicht Ihnen einerseits Testballons zu starten um die Lage zu erkunden, ohne gleich voll aus der Deckung gehen zu müssen. Andererseits bewahrt es Sie davor selbst Übertreibungen oder Fehler nachgewiesen zu bekommen und sich so selbst angreifbar zu machen. · Vermeiden Sie jede Art von persönlichen Vorwürfen oder Zynismus. Dies ist extrem schwer, wenn man von einer Sache überzeugt ist und sich über lange Zeiträume immer wieder Blockaden ausgesetzt sieht - extrem schwer, aber auch extrem wichtig. · Wählen Sie den bzw. die Adressaten des Whistleblowings sorgfältig aus. Welches ist die zuständige Stelle? Gibt es spezielle Ansprechpartner/Ombudsleute an die Sie sich wenden können? Was passiert nach Ihrem Whistleblowing? Werden Sie über dieses weitere Verfahren informiert und/oder können Sie dann noch Einfluss nehmen? Können Sie sich an Personen außerhalb Ihrer Hierarchie wenden? Haben Sie gerechtfertigtes Vertrauen in diese? Wenn Sie sich entschließen, sich direkt an Stellen außerhalb Ihres Betriebes bzw. Ihrer Organisation zu wenden, könnte dies die Rechtsprechung in Deutschland als Verletzung Ihrer Treuepflicht einstufen und eine Kündigung rechtfertigen. Es kann dennoch Situationen geben, in denen dies auch juristisch gerechtfertigt ist. Hier ist eine vorherige anwaltliche Beratung aber unbedingt zu empfehlen. Dort erfahren Sie auch, welche Strafverfolgungsorgane, Aufsichtsbehörden, Kammern und Verbände Sie einschalten können.
· Agieren statt reagieren! Lassen Sie sich nicht von Zufällen oder den Aktionen anderer treiben. Planen Sie jeden Schritt sorgfältig, z.B. wem Sie welche Informationen wann geben wollen, wie er reagieren könnte und was Sie danach jeweils tun werden. Entscheidend ist auch, wie viel Zeit die Missstände, deren Umfang und das Risiko der Ausweitung Ihnen lassen. · Versuchen Sie beharrlich, aber geduldig zu sein, mit sich selbst und mit anderen. Seit Jahrzehnten verkrustete Strukturen werden Sie nicht in wenigen Wochen aufbrechen können. Potentielle Unterstützer arbeiten oft – wie wir – ehrenamtlich oder mit sehr beschränkten Mitteln, weshalb auch dort manches nicht so schnell geht, wie Sie es sich wünschen. · Stellen Sie sicher, dass die Angelegenheit nicht zu Ihrem wichtigsten/einzigen Lebensinhalt wird. Sie sind Zeuge, nicht Ankläger. Erwarten Sie keinen Dank. · Schaffen Sie sich Alternativen. Wenn Sie schon einen neuen Job haben, stellt eine Kündigung keine Bedrohung mehr für Sie dar. · Scheuen Sie sich nicht sich Hilfe zu holen. Dies gilt außer für Anwälte und mögliche Verbündete auch dort, wo es um Hilfe für Ihre Seele und Ihre Psyche geht, die bei negativen Reaktionen auf Ihr Whistleblowing leicht in Mitleidenschaft gezogen werden kann. Berater, Psychologen und Ärzte können Sie stützen. Ein ärztliches Attest kann nützlich sein, um Sie erst einmal aus der aktuell belastenden Arbeitsumgebung herauszuholen und um ihren Leidensweg auch insoweit gerichtsfest zu dokumentieren.
· Wenn
Sie überlegen die Medien einzuschalten, machen Sie sich bewusst, dass
wenn die Medien Ihre Geschichte überhaupt aufgreifen, auch Sie und Ihr
Lebenswandel kurzzeitig in den Fokus der Öffentlichkeit geraten können.
Medien sind in der Regel an aktuellen Ereignissen interessiert. Dies
muss mit Ihrem langfristigen Interesse an Veränderung nicht
übereinstimmen (weitere Infos zum Umgang mit den Medien finden Sie
unter Whistleblowerinfo-Plattform ).
Die Drohung mit dem Gang in die Öffentlichkeit ist oft das wirksamste
Mittel, das ein Whistleblower hat. Die Drohung funktioniert aber nur,
solange Sie noch nicht umgesetzt ist. · Statt sich an die Medien zu wenden, können Sie auch überlegen, Dokumente die den Missstand dokumentieren anoym auf andere Weise, z.B. im Internet, öffentlich zu machen (zu leaken). Hierfür kommt z.B. Wikileaks.org in Betracht. Bei der Beschaffung der Dokumente, bei der nötigen Reinigung von Spuren die auf Sie hindeuten könnten und auch bei Kontaktaufnahme und Übermittlung über das Internet, sind jedoch viele Dinge zu beachten und eine Reihe von Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen, da sich derjenige der leakt und dabei erwischt wird erheblichen Rechtsfolgen aussetzen kann. Julian Assange von Wikileaks hat seine Tipps für Whistleblower in einem Video erläutert.
Nehmen Sie Kontakt mit uns auf! Unsere Mittel sind zwar beschränkt, aber wir werden versuchen Ihnen auch konkret zu helfen und weitere Unterstützung zu vermitteln. Viele haben bereits die Erfahrung gemacht, dass es einfach gut tut mit anderen Whistleblowern zu sprechen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Beachten Sie bitte, dass wir keine Rechtsberatung im Einzelfall anbieten und ersetzen können. Alle Tipps sind natürlich ohne Gewähr und Garantie.
Quellen, neben eigenen Erfahrungen und Gesprächen mit Whistleblowern: · Government Accountability Project (GAP/USA); Blowing the Whistle: Twelve survival strategies; verfügbar unter: http://www.whistleblower.org/content/press_detail.cfm?press_id=59. · Robbie Coull, Everything you always wanted to know about Whistleblowing but were afraid to ask; BMJ Career Focus 2004, 328 – verfügbar unter: http://careerfocus.bmj.com/cgi/content/full/328/7430/s5?eaf · Public concern at work (pcaw/UK); Whistleblowing dos and don'ts; verfügbar unter: http://www.pcaw.co.uk/help_individ/dos_donts.html · Don Soeken; Ten Steps for Effective Whistle Blowing; verfügbar unter: http://www.soeken.lawsonline.net/tensteps.html · Freedom to Care; A survival checklist for raising concerns; verfügbar unter: http://www.freedomtocare.org/page4.htm#raising%20concerns · C.K. Gunsalus: How to Blow the Whistle and Still Have a Career Aferwards; verfügbar unter: http://www.indiana.edu/%7Epoynter/see-ckg1.pdf |




