Sie haben vielleicht von Mordechai Vanunu
gehört, der vor 20 Jahren ausplauderte, dass Israel über Atomwaffen
verfügt und der deshalb 18 Jahre bis April 2004 hinter Gitter saß,
davon 12 Jahre in Einzelhaft.
Sie haben vielleicht auch von der deutschen Veterinärin Margrit Herbst
gelesen, die als eine der ersten auf die Gefahren von BSE aufmerksam
machte, worauf sie von ihrem Arbeitgeber versetzt und schließlich
entlassen wurde.
Weltweit bekannt wurde auch der Fall des bis dato unbekannten Zeitsoldaten Joseph Darby, durch den die Folterungen in Abu Ghraib publik wurden. Er musste später vor dem Hass seiner Landsleute fliehen.
Darby,
Vanunu, Kelly und Herbst sind sogenannte Whistleblower, mutige
Menschen, die „die Warnpfeife geblasen haben“, um die Allgemeinheit vor
Schaden zu bewahren. Es gibt Tausende namenlose Whistleblower, die von
den Medien nicht wahrgenommen werden, wie z.B. ein Arbeiter, der
Kollegen gegenüber geäußert hatte, dass es tödlich sei, Asbest mit dem
Besen zusammenzufegen. Er wurde entlassen.
Unangenehme
Nachtrichten werden gern ignoriert, totgeschwiegen und wenn das nicht
möglich ist, wird der Unglücksbote kaltgestellt. In den etablierten
Wissenschaften ist es nicht anders. Ich möchte hier stellvertretend den
52jährigen Guillermo Eguiazu von der Universität Rosario, Argentinien,
vorstellen. Er hat sich mit Risikotechnologien wie Gentechnik,
Pestiziden und Elektrosmog befasst, vor allem aber mit dem karzinogenen
Schimmelpilzgift Aflatoxin, das bei unsachgemäßer Lagerung von
Getreide, Nüssen, Milchprodukte etc. entsteht. Er wollte aber auch
Verantwortung für seine Forschung übernehmen. Er engagierte sich für
die Aufklärung der Bevölkerung mit Vorträgen auf dem Land und Büchern
in einfacher Sprache. Er setzte sich sogar für ein Gesetz zur
Reduzierung von Schimmelbildung in einer verbesserten Lagerhaltung ein.
Die
Universitätsleitung wies ihn zurecht: es sei nicht sein Job, die
soziale Frage zu stellen, und erst recht nicht, sich in
politisch-wirtschaftliche Entscheidungen einzumischen. Eines Morgens
fand er sein Institut verwüstet. Danach wurde es in eine alte
Hühnerschlachterei verfrachtet, während alle anderen Institute in
wohlhabenden Gegenden untergebracht waren. Er und sein Assistent
Alberto Motta gaben nicht auf. Sie entwickelten eine neue Wissenschaft,
die Technopathogenologie, kurz TPG. Es geht dabei um die Früherkennung
von gefährlichen pathogenen Entwicklungen und die Vermeidung von
Risiken neuer Technologien.
Das argentinische
Bildungsministerium zählt ihn zu den qualifiziertesten Wissenschaftlern
Argentiniens. Das nützte ihm allerdings nichts. Sein Gehalt wurde
gekürzt, das des Assistenten gestrichen. Der Professor durfte zwar sein
Institut selber putzen, aber nicht mehr lehren. Ein Protest der
Studenten konnte daran nichts ändern. 2004 wurde die gesamte
Laboreinrichtung auf einen Lastwagen abtransportiert. Teile des
Inventars fanden sich später bei Kollegen.
Das sind raue Sitten, aber, meine Damen und Herren, ähnlich heftig geht man weltweit mit Whistleblowern um.
Sie
decken Korruption und den Missbrauch technischer Macht in allen
Bereichen der Gesellschaft auf. Sie folgen ihrem Gewissen um das Wohl
der Allgemeinheit zu schützen, ohne in Betracht zu ziehen, welche
Folgen das für sie persönlich haben kann. Statt belohnt zu werden,
werden sie bestraft. Sie haben einen schlechten Ruf, gelten als illoyal
und als Nestbeschmutzer, Staatsfeinde. Viele Whistleblower verlieren
ihren Arbeitsplatz, werden in psychiatrische Kliniken gebracht oder ins
Gefängnis.
Wir brauchen Whistleblower!
In
2000 Jahren hat sich die Welt nicht so sehr verändert, wie in den
letzten 200 Jahren. Ein wesentlicher Grund dafür ist die Zunahme der
Weltbevölkerung, ein zweiter, die Entwicklung der Wissenschaften und
ihre heute oft äußerst risikoreiche technologische Umsetzung. Wir
wissen es alle, niemals in der Geschichte sind - durch den Menschen
verursacht - so viele Tier- und Pflanzenarten ausgestorben, wie heute.
Niemals wurden Boden, Wasser und Luft so sehr verseucht. Niemals wurden
hemmungslos so viele Ressourcen verbraucht. Auch die forcierte
Intention die Evolution selber in den Griff zu bekommen besonders durch
sogenanntes
· terra forming (globale technologische Eingriffe) oder
· human forming (Optimierung des Menschen)
(um sich dabei noch als Retter der Welt zu fühlen), hat tragische Folgen für die gesamte Lebenswelt.
Top Wissenschaftler und Nobel Preisträger wie Josef Rotblat, Max Born und José Lutzenberger haben ihre Warnungen oft und deutlich in die Welt geschickt. Sie haben Zweifel am Überleben der Menschheit.
In
unserer neoliberalen Gesellschaft werden Risiken für Gesundheit und
Leben oft legalisiert, vor allem, bei der Aussicht auf hohe Gewinne.
Konsum und Gewinnmaximierung sind quasi zu einer Religion geworden,
beklagt José Lutzenberger.
Die Wirtschaft hat mit ihrem
Neoliberalismus in kürzester Zeit mehr Menschen missioniert, als der
Katholizismus und der Protestantismus zusammen. Manchmal wird der
sogenannte Risikofaktor einer Technologie berechnet. Auch wenn der bei
0,001 liegt, kann dies bezogen auf die Zeit Tausende Tote bedeuten.
Mit mathematischen Größen kann man auf dem Papier sauberer
manipulieren als wenn die Opfer mit Namen genannt werden.
Wenn
wir uns entwickeln wollen, müssen wir einen guten Blick auf große und
kleine Konflikte und Katastrophen haben, die von Menschen verursacht
oder nicht verhindert werden. Die Verletzlichkeit der Natur und des
sozialen Friedens betrifft vor allem:
1. die Zerstörung der Grundlagen des Lebens und der Umwelt, und unbedacht zerstörerische Eingriffe in die Evolution
2. die Gefährdung unserer Gesundheit
3. die Bedrohung elementarer Menschenrechte
4. geistige und finanzielle Korruption
Whistleblower
sind das wache Gewissen einer Gesellschaft und notwendig für eine
funktionierende Demokratie. Sie bilden eine Art Frühwarnsystem. Wir
brauchen das dringend. Besonders Wirtschaft und Wissenschaft dürfen
nicht weiter den Kopf in den Sand stecken. Wie war das doch noch? Ist
die Wissenschaft nicht eigentlich der Wahrheit verpflichtet?
Ich
schreibe seit 1991 für Zeitungen und Magazine. Aufgrund eigener
Erfahrungen bin ich in den Bereich Zivilcourage und Whistleblowing
hineingeraten. Ich arbeite dafür, dass beide als Werte ins öffentliche
Bewusstsein dringen. 1997 habe ich „Auf der Abschussliste“, mein erstes
Buch über Whistleblowing herausgebracht. Inzwischen kann man den
Begriff, für den es im Deutschen keine richtige Übersetzung gibt, sogar
in kleineren Zeitungen finden.
Ich bin Geschäftsführerin der Ethikschutz-Initiative, der wir jetzt auch die Bezeichnung Whistleblower-Netzwerk gegeben haben. (www.whistleblower-netzwerk.de) Wir befassen uns vor allem mit Whistleblowern, die noch mitten im Prozess der Auseinandersetzung stehen.
Wer
helfen will, setzt sich zwischen alle Stühle. Das Ansehen der
Nestbeschmutzer färbt auf die ab, die sich mit ihnen befassen. Wer will
schon etwas mit scheinbaren Versagern zu tun haben, die keinen Erfolg
haben, die gemieden, gedemütigt und bestraft werden? -Es ist nicht
leicht, verzweifelten Menschen zu helfen, die am Boden zerstört und
finanziell am Ende sind und doch eigentlich dachten, sie hätten etwas
Gutes für die Allgemeinheit getan.
Viele Organisationen,
die sich um Whistleblower kümmern oder einen Preis vergeben, warten
deshalb bis sich die Whistleblower etabliert haben, bis sie in etlichen
Talkshows aufgetreten sind und ihre einstmals unbequeme Botschaft
mindestens von weiten Teilen der Bevölkerung akzeptiert wurde. Solche
Whistlebower sind natürlich besser als Vorbilder geeignet.
Aber
vorher müssen die Kartoffeln aus dem Feuer geholt werde. Dafür ist
Mitgefühl notwendig. Gerade mitten in der Verfolgung brauchen
Whistlebower Unterstützung. Man muss sich dann aber nicht nur mit
diesem selbst befassen, sondern auch mit der umstrittenen Sache, das
kostet viel Zeit und benötigt fachliches Wissen.
Übrigens
eine positive Nachricht: Whistleblower würden - so eine amerikanische
Studie zu 90 Prozent in der gleichen Situation wieder genauso handeln.
In
Amerika und England, wo Gesetze Whistleblowing schützen, hat sich das
Ansehen dieser mutigen Leute entscheidend verbessert. Die Gesetze haben
außerdem einen vorsorglichen Nebeneffekt: Potentielle Täter haben
plötzlich mehr Angst , geistige oder finanzielle Korruption zu begehen.
Es
ist notwendig, den Dialog über Whistleblowing zu unterstützen und eine
Kultur der Zivilcourage anzuregen, um in ganz Europa eine Basis für
Gesetze zu schaffen.
Im kommenden Frühjahr soll das
nächste Buch über gefährliche Zivilcourage herauskommen, das ich
zusammen mit einem Kollegen geschrieben habe. Ein Verlag, mit dem wir
einen Vertrag hatten, hat kalte Füße bekommen, obwohl sich bereits eine
bekannte TV-Show dafür interessiert hatte. Aber wir sind sicher, einen
neuen Verlag zu finden. Whistleblower lassen sich nicht mundtot machen.
Das
Image der Whistleblower muss positiv besetzt werden. Sie sind die
Helden des Alltags. Sie müssen aus dem Schatten der Gesellschaft
heraustreten.
Wer unser internationales
Whistleblower-Netzwerk unterstützen möchte oder mitarbeiten möchte, ist
dazu herzlich eingeladen. U.a. suchen wir dringend Juristen.
Vom
29. September bis 1. Oktober findet an der Ev. Akademie in Iserlohn bei
Dortmund eine Tagung statt, mit Whistleblowern, mit einer
Preisverleihung und zwei Filmen über Whistleblower. Auch ein
Whistleblower aus Amerika ist eingeladen.
Es ist für
mich eine besondere Freude und Ehre, den Rupert-Riedl-Preis zu
bekommen. Ich hatte noch das Glück Prof. Riedl kennen zu lernen. Er war
auch ein Mann, der Zivilcourage hatte. So unerschrocken, wie er sich
für Gerechtigkeit eingesetzt hat, ist er zu einem Vorbild geworden.
Dieser Preis wird mich in meiner Arbeit bestärken.
Herzlichen Dank!