| "Steueroase Hessen"? Oder: 10 Steuerfahnder, die sich dagegen wehren |
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| Donnerstag, 07 Mai 2009 | |
Die Geschichte der beiden Ex-Steuerfahnder Rudolf SCHMENGER und Frank WEHRHEIM, die 2009 den Whistleblowerpreis zugesprochen bekamen, steht stellvertretend für die anderen ehemaligen Steuerfahnder
Der
November 1975 war ebenso ein 'Glücksmonat' für das demokratische
Gemeinwesen wie rund 20 Jahre später der Februar 1996. Für jene, die
den solidarischen Zusammenhalt durch Aufdeckung illegaler
Machenschaften 'weiter vorangebracht' haben, war es das nicht.
Im trüben Herbst Mitte der 70er Jahre begann der Chef der
Steuerfahndung von St. Augustin, Regierungsdirektor Klaus FÖRSTER,
einem Hinweis nachzugehen, der sich als Volltreffer erweisen sollte:
eine Stiftung namens "Europäische Unternehmensberatungsanstalt (EU)"
mit Sitz im liechtensteinischen Vaduz, einem kleinen Städtchen, das
zuletzt Promis wie Klaus ZUMWINKEL ins Licht der Öffentlichkeit gerückt
haben, erwies sich letztlich als 100%ige Geldwaschanlage für eine so
genannte bundesdeutsche "Volkspartei": die "Christlich Demokratische
Union", kurz "CDU".
Die Anstalt gab vor, "Gutachten" zu erstellen. Tatsächlich wurde sie
von den „christlichen“ Demokraten gegründet, um Schwarzgeld für die
Parteikasse zu generieren. Dies war ein glatter Verstoß gegen das
Parteien(finanzierungs)gesetz. Und es war Steuerhinterziehung pur.
Klaus FÖRSTER's konsequente Ermittlungen lösten letztendlich eine Lawine aus:
Für den Mann mit dem "Aufrechten Gang" - so die spätere Ehrung durch die später neu entstandene Partei Die Grünen - endete alles so, wie es den Spielregeln ignoranter staatstragender Parteien entspricht: Der Steuerfahnder erhielt immer schlechtere dienstliche Beurteilungen, wurde gemobbt und zum Schluß zwangsversetzt. FÖRSTER gab schließlich auf und quittierte den Dienst. Einen Nachruf auf den Steuerfahnder Klaus FÖRSTER, der im Februar 2009 verstarb, hat uns Hans LEYENDECKER von der Süddeutschen Zeitung geschrieben. Zwanzig Jahre später erneut ein Hinweis: Ein Angestellter der Commerzbank schlägt erst intern Alarm, als er bemerkt, dass wohlhabende Kunden ihre Gelder anonym nach Luxemburg, Gibraltar, in die Schweiz und nach Liechtenstein transferieren, um die neu eingeführte Zinsabschlagssteuer zu umgehen - die Bank gewährt tatkräftige Unterstützung. Weil die Bank das Thema Steuerhinterziehung nicht problematisieren will, geht der Angestellte zur Staatsanwaltschaft, die ihrerseits die Steuerfahndung alarmiert. Ende Februar 1996 dann die Großdurchsuchung, bei der die rund 250 Fahnder mehr als fündig werden: rund 60.000 Verfahren wegen Steuerhinterziehung werden eingeleitet, darunter rund die Hälfte allein in Hessen.
Viele Steuerfahnder betrachten die neue Finanzpolitik als eine Art von Amnestie für Steuersünder. Sie tragen ihre Bedenken dem Amtsvorsteher vor, mehrfach. Der Erste, den die volle Wucht der hessischen Staatsbürokratie trifft, ist der Koordinator des Bankenteams. Er übergibt seine dezidierten Vorbehalte in einer 11seitigen Stellungnahme dem Amtsvorsteher. Tags drauf wird er zum Oberfinanzpräsidenten zitiert. Nochmals tags drauf muss er seinen bisherigen Arbeitsplatz verlassen – man hat ihm eine Stelle in einem anderen Finanzamt zugewiesen. Der Stellvertreter des Finanzministers Karlheinz WEIMAR gibt offen zu, dass diese Versetzung „gute Gründe“ hatte: „Die Art und Weise, in der sich“ der Sachgebietsleiter “ in die Sache eingebracht hat, war dazu geeignet, das beiderseitige Vertrauensverhältnis nachhaltig zu beeinträchtigen.“ Die Geschichte geht weiter wie bei Klaus FÖRSTER. Zunächst: Die dienstlichen Beurteilungen all jener, die Kritik vorgebracht hatten, fallen schlechter aus. Dann trennen sich die Biografien. Gegen einen werden disziplinarische Ermittlungen eingeleitet. Andere werden ‚nur’ umgesetzt, können ihr jahrelang erworbenes Expertenwissen nicht mehr dem Gemeinwohl zur Verfügung stellen. 48 Fahnder setzen deshalb ein Schreiben an ihren höchsten Dienstherrn auf: Ministerpräsident Roland KOCH. Der Brief wird der Behördenleitung bekannt, bevor er abgeschickt werden kann. Die ersten Kollegen ziehen ihre Unterschrift zurück – die ersten Sanktionsmaßnahmen verfehlen ihre Wirkung nicht. Der zweite Brief mit nur noch 13 Unterschriften – 7 Steuerfahnder sind zu dieser Zeit nicht mehr bei der Steuerfahndung – wird abgeschickt. Jetzt berichtet DER SPIEGEL unter der Überschrift "Amnestie durch die Hintertür", wie auf der einen Seite durch eine "skandalöse Amtsanweisung" ... "wohlhabende Steuerhinterzieher" geschützt, auf der anderen Seite dagegen "aufmüpfige Beamte" ... "kaltgestellt" würden. Finanzminister WEIMAR erklärt daraufhin im Parlament, dass “kein Verfahren ohne Sichtung abgeschlossen“ worden wäre. Als DER SPIEGEL mit : "Oase Frankfurt" nachlegt, dass WEIMAR Fakten verschwiegen und teilweise die “Unwahrheit“ gesagt habe, erzwingt die Opposition einen Parlamentarischen Untersuchungsausschuss. Der tagt von 2003 bis 2006 fast 3 ganze Jahre lang und endet nach insgesamt 17 Sitzungen, von denen 6 teilweise öffentlich waren – wie so oft - wie das Hornberger Schießen: Was der Parlamentarische Untersuchungsausschuss nicht herausbekommen hatte bzw. nicht herausbekommen wollte. In der Zwischenzeit haben (nur noch) 6 der ehemaligen Steuerfahnder, die längst nicht mehr ihren ursprünglichen Job ausüben (dürfen), eine Petition an den Hessischen Landtag abgeschickt. Der lehnt mit 1 Stimme Mehrheit das Petitionsbegehren ab. 4 Monate, nachdem der abschließende Bericht des Untersuchungsausschuss mit den Stimmen der Regierungsmehrheit dem Finanzminister und dessen Politik den Rücken stärkt, schaltet die Politik einen Gang höher - es beginnt eine Phase, die man sonst nur aus totalitären Staaten im Umgang mit ihren Kritikern kennt: die Phase der Psychatrisierung der unbotmäßigen Steuerfahnder. 2 der Petenten, die sich in letzter Not an den Hessischen Landtag gewandt haben, werden begutachtet - von einem Nervenarzt. Sie werden alle auf Lebenszeit für “dienstunfähig“ erklärt. Der eine leide z.B. “diagnostisch an einer erheblichen Anpassungsstörung“, beim anderen sei eine “paranoid-querulatorische Entwicklung“ eingetreten, was auf eine “chronisch verfestigte psychische Erkrankung“ hinauslaufe. Die hier beispielhaft vier psychatrisierten Ex-Steuerfahnder werden daraufhin alle – auf Steuerzahlers Kosten - zwangspensioniert: im Alter zwischen 35 und 45 Jahren. Der letzte im April 2009. Die beruflichen Biografien der engagierten, aber gemobbten Ex-Steuerfahnder haben wir im ABC der Ausgegrenzten und der Whistleblower zusammengestellt. Die gesamten Vorgänge von Anfang an und die letztlich auch verschachtelten Zusammenhänge sind zusammengetragen in der Detaillierten Chronologie aller Ereignisse. Für jene, die das alles etwas knapper nachlesen möchten, gibt es eine Eine etwas kürzere Chronologie: 1994-2009. Für einen sehr kurzen und kompakten Überblick in Form einer Grafik empfehlen wir Auf 1 Blick: Ereignisse > Parlament, Öffentlichkeit & Medien > Folgen. Die Geschichte eines ganz anderen Steuerfahnders, Werner BORCHARDING aus Münster, der Rechtsbeugung, Strafvereitelung im Amt, Begünstigung und Verleitung eines Untergebenen zu einer Straftat in seinem Finanzamt aufgedeckt und bei der Staatsanwaltschaft angezeigt hat, lesen Sie hier: Steuerhinterziehung im Finanzamt Münster. BORCHARDING hatte seinerzeit u.a. auch den nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten angeschrieben. Auf eine Antwort wartet er bis heute. Mittlerweile ist er unter Berücksichtigung von zuerkannter 50-%iger Behinderung und Altersteilzeit vorzeitig aus dem Dienst ausgeschieden, u. a. auch deshalb, weil ihm ein weiteres Arbeiten in diesem Bereich der Finanzverwaltung mit einer derartigen z. T entarteten Korps-Geist-Führung nicht mehr möglich erschien. Der Name des damaligen Ministerpräsidenten, der nicht antworten möchte, aber gerne über ausländische Steueroasen wettert: Ex-Bundesfinanzminister Peer STEINBRÜCK.
Dieser Text enstand in Zusammenarbeit mit unserem Kooperationspartner dem dok-zentrum ansTageslicht.de. Dort finden sich z.T. noch weitergehende Dokumentationen von Fällen, VON MENSCHEN, DIE ETWAS BEWEGEN.
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