Die Rückkehr des Reformators – Ein „Tribut“ an Edward Snowden

Für die Ausstellung „Luther und die Avantgarde“ entwickelte der Künstler Achim Mohné die Idee von einem Edward Snowden Portrait, bestehend aus 672 Betonplatten auf einer Rasenfläche zwischen einem ehemaligen Gefängnis und Gericht in Wittenberg. Aufgrund des gemeinsamen Interesses Demokratie zu fördern und Whistleblower zu unterstützen stellte sich Achim Mohné den Fragen des Whistleblower-Netzwerkes (Interview geführt mit Ali Fahimi am 17.05.2017 im Büro des Whistleblower-Netzwerkes, Berlin).

WBNW Wie kam Dir die Idee Snowden zum Thema Reformation innerhalb der Ausstellung „Luther und die Avantgarde“ auszuwählen?

Mohné Das seinerzeit „schnelle“ Medium Buchdruck ermöglichte Luther die Reformation, Edward Snowdens weltweite Enthüllungen schlugen die in seiner „Gegenwart“ führende digitale Technologie mit ihren eigenen Waffen. Beide „Whistleblower“ hatten das Ziel, systemische Ungerechtigkeiten aufzudecken. Lucas Cranachs Luther-Porträt ist eine Ikone der Reformation, das weltweit zirkulierende Porträt Snowdens steht für den personifizierten Widerstand gegen digitale Überwachungsmethoden. Paradoxerweise ist das Portrait von Edward Snowden, das aus 672 Betonplatten besteht und 12 x 14 Meter gross ist, auf dem Boden gar nicht zu erkennen, sondern wird erst durch ein Überwachungsmedium sichtbar. Sobald es von Satelliten erfasst ist, taucht es auch bei Google Earth, Apple Maps und anderen Navigationssystemen auf. So kann Snowden wenigsten virtuell in die USA zurückkehren.

 

WBNW Welche Nachricht soll Dein Kunstwerk dem Menschen übermitteln?

Mohné Die wichtigen Veränderungen einer durch und durch technisierten Gesellschaft werden im digitalen Zeitalter nicht mehr nur, wie in vorigen Zeitaltern, durch Theologen, Geisteswissenschaftler, Künstler oder Politiker, sondern heute auch von Technikern angestoßen, die als Einzige noch fähig sind, die komplexen Vorgänge (wenigstens teilweise) zu analysieren. Wir laufen den technischen Entwicklungen hinterher, die so rasend fortschreiten, dass wir überhaupt nicht mehr verstehen, was sie alles bewirken. Sie überrollen uns förmlich wie ein Tsunami.

 

WBNW Warum ist Dir Whistleblowing wichtig?

Mohné „Whistleblower“ stellen heute für mich ein wichtiges Regulativ demokratischer Gesellschaften dar. Digitale Miniaturisierung ermöglicht Operationen im Geheimen, die oft entgegen bestehender demokratischer Rechte angewandt werden. Dies wird ungeniert betrieben, da die Akteure unkontrolliert walten können. Solche Machenschaften aufzudecken ist meist nur Insidern und Experten möglich. „Whistleblowing“ wird zukünftig noch größeres Gewicht haben. Demokratie kommt nicht mehr ohne aus. Machthaber müssen es mehr und mehr fürchten. Hierzu sind nach wie vor Menschen nötig, die bereit sind für die Verteidigung humanistischer Werte einen hohen Preis zu zahlen.

 

WBNW Inwieweit können Künstler mit ihrer Kunst Demokratie und Menschenrechte fördern und wo siehst Du Schnittstellen zum politischen Aktivsmus?

Mohné „Ziviler Ungehorsam“ steht seit 2009 auf einem Dach in einer bürgerlichen Wohngegend in Essen. REMOTEWORDS ist ein künstlerisch – politisches Projekt, dass ich seit 10 Jahren mit Uta Kopp im neuen öffentlichen Raum, dem Internet, betreibe. http://www.remotewords.net Es handelt sich um einen Begriff des Amerikaners Henry David Thoreau, der die individuelle Freiheit und Unabhängigkeit bereits Mitte des 19ten Jahrhunderts suchte. Er plädierte für das Recht des Einzelnen, gegen gültige Rechtsnormen zu verstoßen, wenn diese Ungerechtigkeit darstellten oder die Freiheit des Einzelnen ungerechtfertigt verletzten. So weigerte er sich Steuern für einen Krieg gegen Mexiko zu zahlen. Gerade in heutigen Zeiten ist die Kunst gefordert, denn die Künstler sind ja auch Teil der Zivilgesellschaft und sollten ihren Beitrag leisten. Schöne Bilder machen allein reicht nicht mehr. Ein solcher Beitrag gegen Separatismus, Populismus und politische Agitation war die Kollaboration mit Peter Weibel. Sein Satz „ONE EARTH UNITES MANY WORLDS“ ist über 5 Dächer auf 5 Kontinenten verteilt.http://zkm.de/blog/2015/09/die-erdoberflaeche-als-weisse-leinwand

 

WBNW Für Dein Projekt arbeitest du mit Bildern und Videos von Drohnen. Diese Technik ist anderswo für Krieg und Tod verantwortlich. Wie stehst Du zu einer immer mehr technisierten Gesellschaft und welche Rolle spielen Drohnen im digitalen Zeitalter?

Mohné Ich arbeite mit Überwachungstechnologien seit Mitte der 90er Jahre und mit Drohnen seit 2010. Erstmalig habe ich sie auf der Moskau Biennale eingesetzt, da waren sie noch neu. Heute sieht man sie in jedem Fernsehformat. Wie viele Erfindungen, z.B. Video- oder Lasertechnologie, stammen sie aus der Militärforschung und dienten zunächst keinem guten Zweck. Die Drohnen stellen für mich die perverseste Stufe militärischer Entwicklung dar, diese hat sich total vom ehemaligen Kampf „Mann zu Mann“ abstrahiert. Jemand sitzt in Texas und bringt per Fernsteuerung in Afghanistan Menschen um. Aber Drohnen können auch nützlich sein. So werden sie z.B. zum Transport von Medikamenten in schwer zugängliche Gebiete eingesetzt.

WBNW Du hast gesagt, dass „für die Verteidigung humanistischer Werte nach wie vor Menschen nötig sind, die bereit sind einen hohen Preis zu zahlen“. Unsere Frage: Ist Mut ansteckend und wenn ja, wie?

Mohné Unbedingt ist Mut ansteckend – und Duckmäuserei leider auch. Deshalb dieses „Tribut“ an Snowden, ein Appell Ihn nicht zu vergessen, seine Leistung zur würdigen. Hunderte Mitarbeiter des NSA hätten auch die Möglichkeit gehabt Ungerechtigkeiten aufzudecken. Aber Snowden hat es eben gemacht. Das ist der entscheidende Unterschied. Der Umgang mit der Technologie hängt vom einzelnen Menschen und der moralischen Einstellung ab. Snowden ist aber nur ein prominentes Beispiel für die vielen Whistleblower überall auf der Welt. Deshalb bin ich über unsere Zusammenarbeit sehr froh, denn ihr unterstützt ja genau die Menschen, die sich durch Zivil-Courage auszeichnen. Das macht das Whistleblower-Netzwerk so wichtig. 

 

WBNW Wie wichtig ist Dir eine Reaktion von Edward Snowden auf Dein Projekt?

Mohné Ich habe Ihn über die Arbeit per Twitter informiert. Zwar ist er eine „öffentliche Person“, wie man so schön sagt, aber ich finde es selbstverständlich ihm dies mitzuteilen. Ich wäre sehr interessiert seine Meinung dazu zu hören. Seine Aussage „I am not the story“ in Laura Poitras Film zeigt, wie bescheiden er in Bezug auf seine eigene Person ist.

Sein Porträt steht ikonografisch für das ganze unglaublich komplexe Zusammenspiel von Staat, Macht, Politik, Technologie und Mensch. Es würde mich freuen, wenn er meine Intention teilt: Hier geht es nicht um Personenkult, sondern um die Verteidigung der wichtigsten gesellschaftlichen Errungenschaft der letzten Jahrhunderte, der Demokratie.